An diesem winterlichen Nachmittag, an dem es – wie es im Metereologen-Sprech heißt – für die Jahreszeit zu warm war, war irgendetwas in der wie immer mäßig belebten kleinen Straße anders als sonst.

Die beiden alten Frauen, die jedes Mal, wenn Capa-kaum durch diese Straße ging, hier ganz in ihr Gespräch vertieft standen und dabei unentwegt ihre Umgebung musterten, waren zwar ebenso da wie der kleine braun-weiß gefleckte Hund, zu dessen Aussehen sichtlich mancherlei unterschiedliche Vorfahren beigetragen haben und der viele der Vorbeigehenden wie ein guter Gastgeber in seinem Straßenstück ein paar Schritte lang freundlich-schwanzwedelnd begleitet. Auch die junge Frau, die sich gerne (und nicht nur im Sommer) einen Klappstuhl vor ihren Krimskrams-Laden stellt, um, ein Buch lesend, vielleicht doch Kunden anzulocken, fehlte nicht in dem gewohnten Bild. Und ebenso nicht das pockennarbige Auto mit dem schon leicht vergilbten „Zu verkaufen“ an seiner Heckscheibe.

Das sind jene Augenblicke, in denen wir unversehens mit unserer eigenen Unzulänglichkeit konfrontiert werden. Unser Instinkt gibt uns eine Information, aber unser Kopf ist nicht so ohne weiteres in der Lage, dieses Gefühl in ein Fakt zu verwandeln. Denn mit offenen Augen sehen wir das, was wir sehen wollen und blenden aus, dass wir eigentlich auch noch Vieles wahrnehmen, was um uns vorhanden ist, jedoch von uns nicht jenen Stellenwert der Aufmerksamkeit erhält wie das, was wir als wichtig einordnen.

Die Menschen, der freundliche Hund – weshalb eigentlich das alte, unansehnliche Auto, das offenbar von seinem Besitzer nicht anzubringen ist?

Dass es wohl jene zwei nebeneinander gelegenen, erst vor wenigen Monaten eröffneten Läden waren, deren schon wieder leergeräumte Schaufenster das Bild der kleinen Nebenstraße vom Gewohnten abweichen ließen, stellte sich erst heraus, als Capa-kaum grübelnd nochmals zurückging und das offensichtlich in seinem Kopf gespeicherte Bild mit der Wirklichkeit des tatsächlich zu Sehenden verglich.

Ja, die zwei Läden, kurzzeitiger Schauplatz der Hoffnungen ihrer Besitzer – aber was hatten sie anzubieten gehabt? Müßig, sich das in Erinnerung rufen zu wollen, war deren Angebot offenbar nicht von Belang für den an ihnen Vorbeigehenden. Viel bedeutender, um ein paar Augenblicke darüber nachzudenken, war doch wieder einmal die Tatsache dieser eben gemachten Erfahrung, wie sehr die in unseren Köpfen erzeugte Wirklichkeit das Tatsächliche verdrängen kann.

2 Kommentare zu “Ein paar Augenblicke nachdenken”

  • Marianne 23. Dezember 2014

    Eine sehr melancholische Geschichte, die uns vor Augen führt, dass nichts, gar nichts Zeit hat, später genauer betrachtet zu werden.

  • der Kaiser 23. Dezember 2014

    Danke für diese nachdenklich-schönen Zeilen und die besten Wünsche aus Wien!

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