Abseits des politischen Dilemmas rund um die Türkei, das uns täglich in der Berichterstattung begegnet, gibt es ein Thema, über das die Politik nicht gerne spricht. Denn die Konflikte um die Nazi-Vorwürfe gegenüber Deutschland und die Niederlande, um die EU-Zahlungen für die Abriegelung der Flüchtlingsströme oder auch um die Missachtung der Menschenrechte, insbesondere im Gefolge des Putschversuchs vom Sommer 2016, dominieren Talk-Shows und offiziell die Diplomatie. Hinter den Kulissen aber geht es um das große Geschäft: NATO-Partner Türkei ist immerhin einer der wichtigsten Waffenimporteure der Welt. Und das macht das Türkei-Dilemma, übrigens speziell für Deutschland, noch größer als es die Politik zugeben will.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) listet die Türkei in ihrem jüngsten Jahrbuch immerhin an 6. Stelle in der Liste der größten Importeure schwerer Waffen am Weltmarkt auf: Mit einem Anteil von 3,4 Prozent nur hinter Indien, Saudi-Arabien, China, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien. Das heißt also: Im Nahen Osten belegt die Türkei als Waffenimporteur Rang 3. Fast 20 Prozent aller Waffenlieferungen in den Nahen Osten sind zuletzt in die Türkei gegangen – Flugzeuge, Panzer, Geschütze, Raketen, Schiffe und natürlich jede Menge Munition.

Innerhalb der NATO stellt die Türkei mit mehr als 600.000 Soldaten nach den USA das zweitgrößte Heer. Und auch was das jährliche Militärbudget betrifft, liegt die Türkei im Spitzenfeld, wobei zuletzt eine Steigerung von rund 18 auf über 22 Milliarden Dollar registriert wurde. Deshalb haben die NATO-Partner – nach dem Ausfall des Partners Griechenland, der bis zur Finanzkrise zeitweilig Platz 5 unter den Rüstungskäufern der Welt einnahm – in der Türkei einen gefälligen Abnehmer. So liefern neben der USA vor allem auch Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande militärisches Gerät. Für die NATO-Staaten strategisch und wirtschaftlich wichtig, ist die Türkei daher ein Partner, der die Toleranz der Anderen sehr beanspruchen kann.

Ganz besonderes Interesse an der Türkei besteht in Deutschland. Und das nicht nur wegen der dreieinhalb Millionen Türken, die da leben. Für die deutsche Rüstungsindustrie zählt das Land am Bosporus seit Jahren zu den wichtigsten Abnehmern, womit das besondere Dilemma für Merkel & Co offensichtlich wird. Denn trotz des politischen Säbelrasselns gegenüber Präsident Erdogan und seine Masseninhaftierungen exportierten deutsche Rüstungsbetriebe im Vorjahr nur an Kleinwaffen, Geräten und Munition an die 100 Millionen Euro in die Türkei. Nicht zu vergessen, dass schon in den letzten Jahren insgesamt 670 Leopard-Panzer an das türkische Militär geliefert worden sind. Und ganz abgesehen davon, dass die deutschen Rüstungsunternehmen gerade in letzter Zeit ihre Interessen in der Türkei verstärkt haben: So hat Krauss-Maffei (mit seiner türkischen Tochterfirma) schon vor einiger Zeit mit dem französischen Panzerhersteller Nexter eine gemeinsame Rüstungsholding gegründet und Rheinmetall will nun gemeinsam mit einer malaysisch-türkischen Gruppe ein Unternehmen für den Bau und die Vermarktung gepanzerter Ketten- und Räder-Fahrzeuge bilden.

Deutschland ist mit einem Volumen von fast 5 Milliarden Dollar immerhin der fünftgrößte Waffenexporteur der Welt (hinter den USA, Russland, China und Frankreich). In den Jahren 2013 bis 2015 sind militärische Lieferungen im Wert von insgesamt einer Milliarde Euro aus Deutschland in die Türkei gegangen – Waffen, dazu so genannte „Dual Use“-Güter und Ausrüstungen, die in der Anti-Folter-Verordnung aufgeführt werden.

Interessantes Detail: Lag die Türkei 2015 noch auf Platz 25 der Abnehmerländer für deutsche Waffen, rückte sie im Vorjahr auf Rang 8 vor und verdoppelten sich die Rüstungsexporte. Capa-kaum muss daran erinnern, dass im Juli 2016 der Putschversuch gegen Erdogan stattgefunden hat… Jedenfalls wurden – laut einer Anfragebeantwortung im deutschen Bundestag – erst kürzlich von der deutschen Bundesregierung trotz der Spannungen mit der Türkei neuerlich Lieferungen über Schusswaffen, Luftfahrttechnik und militärische Elektronik genehmigt…

2 Kommentare zu “Die Türkei ist wichtig – als Waffenkäufer”

  • Uwe_Málaga 13. März 2017

    Das ist schrecklich! Wie können es Merkel&Co da noch wagen, das Wort Menschenrechte überhaupt in den Mund zu nehmen? Bei so vielen Milliarden lässt man sich offenbar gern mal als ‚Nazi‘ diffamieren… Pfui Teufel mit diesen verlogenen Politikern!

  • AusderTonnemitBlick...auf denAbzugstrick 13. März 2017

    Das entspricht dem eigenen verschwommenen Empfinden einer verdeckten und medial überaus verschleierten Treiber-Rolle Deuschlands in den europäisch-vorderasiatischen Konflikten – aber als Tatsachenbericht ist das entsetzlich, man will sofort auf einen andern Stern-

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