Die Ticket-Abzocker

Posted in Blog, Blog Kultur mit 6 Kommentare

Mai2015 19

Ob Eurovisions Song Contest, Theater und Oper in Deutschland, Musicals in London, Events wie das dreitägige Novarock-Festival, Helene Fischer-Konzerte oder Klassik-Abende in der Berliner Waldbühne: Tickets übers Internet zu buchen gehört einfach dazu. Kommt aber manchmal gehörig teuer, wenn man nicht genau hinschaut. Capa-kaum hat sich das Big Business der Kulturbranche einmal näher angesehen und Erstaunliches entdeckt. Vor allem: Wer übers Internet bucht, kann nicht selten bei einem Online-Buchungsportal bis zu 30 Prozent mehr zahlen müssen als direkt an der Kasse oder gleich über die Online-Plattform des Veranstaltungsorts. Aber manchmal geht’s auch umgekehrt…

Einige Beispiele.

Noch relativ glimpflich kommt man beim Wiener Burgtheater davon. So kostet etwa eine Karte für den 29. Mai 2015 (Bei Einbruch der Dunkelheit) am 1. Mittelrang, Reihe 2, (hinterlegt) an der Theaterkasse 49 Euro, über das Buchungsportal Eventim inkl. (notwendigem) Versand (in Österreich) 57,90 Euro, also gut 18 Prozent mehr – bei Versand ins Ausland sind es nochmals 3 Euro mehr.

Heftig dagegen die Abzocke, wenn man den Fehler begeht und eine Karte für das Berliner Ensemble über das Online-Portal Eventim bucht. Während etwa eine 20-Euro-Karte (an der Theaterkasse) für 30. Mai 2015 (Gott des Gemetzels) bei Online-Buchung über die Internet-Seite des Theaters bloß zusätzlich 1 Euro Systemgebühr (bei Selbstausdruck) kostet – also 21 Euro, verrechnet Eventim inkl. Selbstausdruck für die gleiche Kategorie 26,30 Euro – das heißt gleich einmal 25 Prozent mehr. Und das bei praktisch gleichem Buchungsvorgang, nur in einem Fall über das Theater und im anderen Fall über das Buchungsportal.

Beachtlich die Differenzen für eine Karte für 30. Mai 2015 im New London Theatre (War Horse): Preiskategorie Stalls (Reihe G) kostet direkt über die Online-Plattform des Theaters 67,50 Brit. Pfund = 93,43 Euro (inkl. Booking Fee). Die gleiche Preiskategorie (Stalls, allerdings Reihe L) kostet über das Online-Portal Ticketmaster 74,10 Brit. Pfund = 102,56 Euro (inkl. Booking Fee). Ganz heftig dagegen, wenn man über das kleinere Buchungsportal Ticmate bucht: Da kostet der Stalls-Sitz (Reihe I) an dem Tag dagegen 122,20 EUR, das heißt: Stolze 88,20 Brit. Pfund, damit etwa 30 Prozent mehr als direkt über das Theater gebucht…

Besonders ärgerlich ist bei den Online-Portalen die zumeist mit 2,50 Euro verrechnete Gebühr fürs Selbstausdrucken der Tickets – dafür dass man’s selbst macht, muss man auch noch zahlen.

Schuld daran ist, dass das lukrative europäische Ticket-Buchungsbusiness mittlerweile fest in der Hand von zwei großen Playern ist: CTS Eventim und Ticketmaster, beide mit zahlreichen Tochterfirmen. Ticketmaster ist die weltweite Nummer eins in der Kartenvermarktung und selbst Teil der Live Nation Entertainment Gruppe, die jährlich unter anderem 22.000 Shows für 2300 Künstler produziert. Nicht viel anders organisiert sich CTS Eventim. Der europäische Marktführer ist in 23 Ländern tätig, an ihm geht im Kultur- und Veranstaltungsbetrieb Europas (fast) nichts vorbei, denn er vermarktet jährlich über 100 Millionen Veranstaltungstickets für mehr als 200.000 Events und machte damit zuletzt einen Umsatz von weit mehr als 600 Millionen Euro. Allein in Deutschland verkauft Eventim 80 Prozent aller Eintrittskarten für Pop- und Rock-Konzerte.

Zur Eventim-Gruppe gehören unter anderem auch die Online-Portale wie oeticket.com, ticketcorner.ch, ticketonline.de, ticketone.it, und entradas.com. Oeticket ist übrigens in Österreich Marktführer im Bereich Ticketing mit 2014 mehr als 5 Millionen in Österreich verkauften Tickets.

Das vom Mehrheitseigentümer Hans-Peter Schulenberg geführte CTS Eventim-Unternehmens-Konglomerat hat in den letzten Jahren auch mehrere Konzert- und Event-Veranstalter wie Marek Lieberberg oder Semmelconcerts geschluckt – ist also praktisch auch selbst Veranstalter. Semmelconcerts veranstaltet beispielsweise Top-Acts von Rihanna, Elton John, Depeche Mode, Coldplay oder Barbra Streisand oder wickelt große und internationale Tourneen etwa der Scorpions, von Helene Fischer, Annett Louisan, BAP und Santiano ab sowie nicht zuletzt auch Musical-Tourneeproduktionen wie Elisabeth oder Grease. Außerdem betreibt die Schulenberg-Gruppe Bühnen wie etwa das Berliner Tempodrom, mietet große Hallen wie die Lanxess-Arena in Köln und die Waldbühne in Berlin und hat 14 der 20 größten Festivals in der Hand. Und all das funktioniert dann so – am Beispiel Take That: Das einzige Konzert der Briten in Nordrhein-Westfalen findet am 4. Oktober 2015 natürlich in der Kölner Lanxess-Arena statt, die Eventim betreibt; der Veranstalter, die Dirk Becker Entertainment GmbH, gehört Eventim als Tochterunternehmen; und die Tickets gibt es im Internet natürlich bei Eventim. Da klingelt die Kasse gleich dreifach – zu Lasten des Publikums, denn damit können Ticketpreise beliebig durchgesetzt werden.

Dabei hat Eventim erst jüngst mit der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen schlechte Erfahrungen gemacht – wegen der Tour der australischen Altrocker von AC/DC. Im Dezember konnten Fans Karten für 101 Euro reservieren. Die Bezahlung per Lastschrift oder Kreditkarte ließ sich Eventim mit 8,72 Euro vergüten (obwohl eine kostenlose Zahlungsmöglichkeit in Deutschland verpflichtend ist). Offen ist auch, ob Eventim weiter bis 2,50 Euro von Kunden verlangen darf, die Tickets selbst ausdrucken. Detail am Rande: Auch für die Tickethinterlegung wird von Eventim eine Gebühr verlangt: 2,90 Euro. Der Standardversand im Inland wird mit 4,90 Euro berechnet, ins Ausland werden 7,90 Euro zum Ticketpreis hinzu geschlagen.

Auch in einem anderen Fall hat Eventim Probleme: Das Unternehmen vermarktete die Fußball-WM in Deutschland, die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt seit Jahren, denn gemeinsam mit dem Ticketchef im WM-Organisationskomittee (OK) soll die CTS Eventim AG rund 52.000 Karten durch ein Firmenkonstrukt auf den Schwarzmarkt verschoben haben (ja, es gilt die Unschuldsvermutung).

Und wenn alles „normal“ hergeht, ist man mit zusätzlichen Online-Gebühren der Ticketportale, die die Karten um bis zu 30 Prozent verteuern, in Europa noch gut dran. Denn in den USA kostete wegen der verschiedenen Online-Zusatzgebühren beispielsweise ein 20-Dollar-Ticket für ein Lady Gaga-Konzert am Ende 49,75 Dollar, also 150 Prozent mehr.

Insgesamt heißt das also für den Ticketkäufer: Nicht immer nur den scheinbar einfachsten Weg über ein Online-Ticket-Portal wählen, das ohnedies meist auch nur ein beschränktes Ticketkontingent und das schlechtere Platzangebot zur Verfügung hat, wie Capa-kaum bei den Recherchen festgestellt hat.

Aber, eine Warnung: Dass sich auch der umgekehrte Fall im Internet findet, beweist das Pariser Lido. Für 29. Mai 2015 kostet dort ein Ticket für die 21-Uhr-Show inkl. „Champs-Elysée-Menü“ direkt gebucht über die Homepage der Showbühne 215 Euro – jedoch über das Portal Viator 195 Euro und über das Portal ParisKarten.de (ticmate) nur 192 Euro – also da immerhin gleich 23 Euro weniger.

Was lernt man daraus: Genau hinsehen und sich ein wenig Zeit nehmen, die Angebote zu vergleichen. Wer schnell bucht, dem kann das eben bis zu 30 Prozent mehr kosten. Und abgesehen von solchen doch selteneren Offerten wie jene des Pariser Lido kann man davon ausgehen, dass es die nicht nur besseren, sondern vor allem auch (wesentlich) preisgünstigeren Tickets meist direkt über die Internetseite oder das telefonische Kartenservice des Veranstaltungsorts gibt – sofern dieser nicht im Besitz des Eventim- oder Ticketmaster-Konglomerats ist…

6 Kommentare zu “Die Ticket-Abzocker”

  • heinz 19. Oktober 2017

    kann es nicht genau wiedergeben, aber meine Freundin hat über einen italienischen kartenanbieter 2 karten bestellt mit ticketpreise ca 30 euro je karte – die karten waren dann relativ schnell da, aber von der Kreditkarte wurden ca 115 euro abgebucht.
    dies war aber bei Buchung nicht ersichtlich, dass die „Nebenkosten“ etwas teuer sind….
    genau hinsehen nützt ab und zu auch nicht viel…

  • Linzer 23. Mai 2015

    Besonders frech finde ich mein Erlebnis: Für Osttribüne-Karten Eros Ramazzotti (2. Oktober) i.d. Wr. Stadthalle sollte ich online über Eventim nicht nur 82,50 pro Stück zahlen, sondern dazu auch noch eine AUSLANDS-Versandgebühr von 7,90 (wohne in Ö!). Habe dann bei Stadthalle online nachgesehen und pro Karte nur 79 Euro bezahlt, gratis hinterlegt.

  • Herbert53 22. Mai 2015

    Ich habe auch eine aktuelle Erfahrung: Für die Eröffnungsmatinee des Beethovenfestes in Bonn: Karte hätte über Eventim mit eigenem Ausdrucken 32 Euro gekostet, über die Festivalseite waren es nur 28.50, auch mit Selbstausdruck.

  • mia 22. Mai 2015

    wollte über eventim karten für caveman im juni in ulm, kosten 29 euro 25 – die bieten die karten nur mit versand. bin dann auf die seite der roxy-halle, gleiche karte kostet dort nur 23 euro!!

  • Christoph 22. Mai 2015

    Ich kann zu dieser Abzocke auch was beitragen: Karte für Andreas Rebers am 19. Juni im Lustspielhaus München über die Online-Reservierung von dort 24 Euro, über Eventim mit Versand nach Österreich (ist zwingend!) 38,25 Euro!!! Also gleich einmal 60 % mehr! Das ist eine Frechheit!!

  • jospal 21. Mai 2015

    Danke für dieses Service. Man fällt wirklich leicht auf die Abzocke rein

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