Es ist schon ein besonderes Phänomen unserer Tage: Diese Lust am eigenen Bild, das via WhatsApp, Facebook oder Instagram in die Welt hinausgeschickt wird. Die Tower Bridge, das Brandenburger Tor, das Schloss Schönbrunn, ja sogar das KZ Auschwitz (das gepostete Foto war ja ein weltweiter Aufreger) – sie alle sind nicht mehr spannend genug ohne das eigene Konterfei, das mit drauf sein muss. Die Aura von historischen Stätten und Kunstwerken weicht dem simplen digitalen Sammeln von Erinnerungen, nein: von Beweisstücken. Was man gesehen hat, wo man war – bei einem Pop-Konzert, in einer schönen Gegend oder im Restaurant wird mit sich selbst als wichtigstes Bildelement dokumentiert – also: Man macht eben ein Selfie (ein netter neuanglizistischer Ausdruck für das schlichte: Selbstdarstellung, vom Oxford Dictionary im Vorjahr zum englischen Wort des Jahres gekürt). Für sich? Für Andere…

Woher kommt der Wunsch nach dem selbst gemachten und via Internet öffentlich gezeigten Beweisstück aus dem eigenen Leben? Die Antwort ist wohl einfach (und gilt für alle technischen Neuerungen): Weil wir es können. Analoge Filme waren teuer und überdies sind die kleine Digitalkamera oder das Smartphone immer dabei – im Museum ebenso wie auf den Bergen der Alpen.

Doch da stehen wir, muss Capa-kaum feststellen, vor einem Paradoxon: Es werden heutzutage so viele Fotos gemacht wie nie zuvor – andererseits vergessen wir selbst das meiste sofort. Die Masse der digital gespeicherten Bilder gibt keinem einzelnen die Chance, länger im Gedächtnis haften zu bleiben. Ganz abgesehen davon, dass niemand weiß, welche Speicherformate in 20, 30 Jahren von Rechnern überhaupt noch eingelesen werden können, womit die Erinnerung, die einst auf Papier vorhanden blieb, verloren zu gehen droht. Es sind jedenfalls flüchtige Augenblicksdokumente – ein Zeichen der Zeit…

Vor allem sind die Selfies ein exzellentes Mittel, um die persönliche Eitelkeit unter dem Deckmantel des Informierens oder Archivierens zu befriedigen. Man könnte nun denken, unsere Gesellschaft von heute sei mit derjenigen früherer Zeiten nicht vergleichbar. Aber Menschen sind eben Menschen und deren Eigenschaften, Eigenheiten und Verhalten bleiben über die Zeiten hinweg so wie sie sind. Denn diese fotografischen Selfies erinnern doch an jene unzähligen Gemälde, die sich seinerzeit Adelige, Kirchenfürsten oder reiche Bürger von sich haben anfertigen lassen. Und eines der frühesten fotografischen Selfies einer Jugendlichen ist auch schon 100 Jahre alt: Jenes der Zarentochter Anastasia, die sich 1914 in einem Spiegel mit einer Kodak-Kamera selbst ablichtete.

Wir merken also: Wie früher funktionieren heutzutage die digitalen Selfies in vielen Fällen perfekt zur Befriedigung der persönlichen Eitelkeit – um sich in irgendeiner Weise im Urteil der Anderen wiederzufinden. Weil es ja wichtig ist, wenn die Anderen sehen, wo man war, was man Besonderes (oder Nebensächliches) getan hat. Da passt wohl ein Zitat aus den Selbstbetrachtungen des philosophischen römischen Kaisers Marc Aurel: „Ich habe mich oft darüber gewundert, wie jeder sich selber mehr liebt als alle anderen Menschen, dagegen seine eigene Meinung über sich selber geringer wertet als die der anderen Menschen über ihn.“

3 Kommentare zu “Die ewige Lust am eigenen Bild”

  • ...der Kaiser aus Wien 11. Oktober 2014

    …Daumen hoch und herzlichen Dank für den letzten Buchtipp. Mittels iPod wird uns das Hörbuch nach und in Australien begleiten!

  • dominik 7. Oktober 2014

    mir aus der Seele gesprochen / geschrieben. Es ist wirklich doof, es lädt regelmäßig zum Fremdschämen ein. Ich habe mir die Marotte inzwischen mehr oder weniger abgewöhnt

  • Elisabeth Hösch 7. Oktober 2014

    Bin eigentlich der gleichen Meinung, jedoch finde ich natürlich auch, dass man sich relativ schnell mit Familie und Freunde verständigen kann und diese ein bisschen, wenn sie auch weit entfernt leben, teilhaben können am jeweiligen Leben.

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