Irgendwie beschleicht den Beobachter das Gefühl, in Sachen Bespitzelung von Millionen Internetnutzern außerhalb der USA versuchen die amerikanischen Politiker und Behörden ganz unverfroren,  die Aufmerksamkeit vom Tatbestand des Datenklaus (siehe auch Blog Skizze zum Datenklau) auf das Thema Verfolgung des Aufdeckers zu schieben. Was ihnen vermutlich in den USA selbst bei weiten Teilen der Bevölkerung wohl gelingen wird. Umso weniger aber – hoffentlich – in Europa.

Die aktuelle Story führt aber wieder einmal drastisch vor Augen, wie verwundbar unsere Gesellschaft und wie angreifbar die Privatsphäre jedes Einzelnen durch die Internetnutzung ist. Im Zentrum dieser Auswüchse der Datensammel-Möglichkeiten steht ein Stichwort: Cloud Computing.

Die Auslagerung der Programme und Dokumente in die Wolke der virtuellen Welt, abrufbar überall, scheint natürlich faszinierend, in vielen Fällen auch praktisch und vor allem für Unternehmen und Organisationen kostensparend. Die Kehrseite dieser „Vereinfachung“ des täglichen Geschäfts- und Privatlebens: Die Daten werden auf irgendeinen Server irgendwo auf dem Erdball gesendet und dort gespeichert.

Nein – nicht irgendwo, muss Capa-kaum an dieser Stelle anmerken.

Die größten Cloud-Server der Welt stehen – für den amerikanischen Geheimdienst praktischerweise – in den USA. In Rechenzentren in Chicago (Lakeside Technology Center), Atlanta (Metro Data Center) und Miami (NAP of the Americans). Dazu kommen die Datenzentren des Software-Giganten Microsoft in Chicago und San Antonio. Und was die Sozialen Netzwerke betrifft: Der größte Twitter-Server steht in Salt Lake City; anders  Google, der die Daten im finnischen Hamina und in Singapur lagert und Facebook, wo der  Hauptteil der Daten seiner Community ab 2014 in Lulea am Polarkreis gespeichert werden soll.

Und auch wenn das Cloud Computing ein Milliardenmarkt mit zweistelligen Steigerungsraten ist: Laut einer Erhebung der Gesellschaft Trend Micro hatte bereits fast die Hälfte aller Befragten Sicherheitsprobleme mit externen Cloud-Dienstleistern. Und weil eben die Frage der Datensicherheit in den Cloud-Servern ein Kernthema ist, widmen sich diejenigen, die an diesem Geschäft interessiert sind, nun intensiv dieser Frage. Wie etwa Apple, das für seinen Serverdienst iCloud mit dem Slogan „Wir verschlüsseln“ wirbt. So weit, so eingängig. Allerdings behält sich der Konzern vor, die Kundendaten jederzeit zu entschlüsseln und weiterzugeben, wenn dies „angemessen“ sei… Und Datenexperten informieren angesichts der jüngsten Datenklau-Aufdeckung, dass auch iPhone- und iPad-Daten jederzeit abgegriffen werden können.

Eben Moglen, Professor an der Columbia University, erklärt sarkastisch, dass die Sozialen Netzwerke eigentlich nur darauf abzielen, „Menschen lesbar zu machen und damit den Geheimdiensten viel Arbeit abnehmen“. Tatsächlich lassen sich schon über das simple Anklicken des „Gefällt mir“-Buttons und der Freundeskreise in Facebook jede Menge persönlicher Informationen so vernetzen, dass ein Persönlichkeitsprofil entsteht – das aber nicht immer wirklich stimmen muss: Von politischer Einstellung bis hin zu sexuellen Vorlieben oder Mode- und Reiseinteresse.

Nach seiner Wiederwahl unterschrieb US-Präsident Barack Obama die Verlängerung des „Foreign Intelligence Surveillance Act“, durch den die amerikanischen Geheimdienste, ohne richterliche Genehmigung und ohne die Inhaber der Daten oder der Datenbanken informieren zu müssen, alle Daten von Nicht-US-Bürgern, die in Internet-Datenbanken gespeichert sind, auswerten dürfen. Also auch jene in Facebook oder Google. Und Obama lässt Jene, die Datenklau aufdecken, mit so großer Härte verfolgen, dass er von Zynikern bereits den Vornamen „George W.“ bekommen hat. Dieser amerikanische Präsident, Nobelpreisträger und einst als Lichtgestalt nach George W. Bush mit Vorschusslorbeeren bedacht, kommt nun in Kürze nach Europa. Es ist zu hoffen, dass ihm bei seinem Berlin-Besuch die deutsche Bundeskanzlerin die Meinung der Europäer zu diesem Datenklau-Wahnsinn der amerikanischen Behörden in aller Deutlichkeit nahebringt. Aber eigentlich wären nun klare, konkrete Schritte der Europäer in Sachen Datenschutz nötig, meint Capa-kaum.

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