Woher kommt es, dass seit einiger Zeit ausgerechnet in Frankreich Theaterstücke entstehen, die international für Furore sorgen? Waren es noch vor ein, zwei Jahrzehnten fast ausschließlich deutsche Dramatiker wie etwa Roland Schimmelpfennig, René Pollesch, Falk Richter oder AutorInnen wie Peter Handke und Elfriede Jelinek, die die Bühnen der deutschsprachigen Theater mit bemerkenswerten Stoffen versorgten, heißen die heutigen Erfolgsgaranten Yasmina Reza oder Joel Pommerat. Vielleicht, meint Capa-kaum, weil die deutschsprachigen Stücke zu lange hauptsächlich die großen gesellschaftspolitischen Themen der Gegenwart umkreisten, engagierte Theatergeher bereits wiederholt alle Facetten unseres Daseins tiefgründig abgehandelt gesehen haben und sich nun lieber den scheinbar unergründlich komplexen menschlichen Beziehungen zuwenden.

Wie Pommerats jüngstes Erfolgsstück Die Wiedervereinigung der beiden Koreas zeigt, lässt sich in der theatralischen Analyse der Beziehungskiste so Vieles aufdecken, klarmachen und zugleich unbeantwortet lassen, dass ein Abend, wie er nun im Wiener Akademietheater zweieinviertel Stunden lang dargeboten wird, nicht lang wird. Überhaupt wenn die psychologisch-witzigen Dialoge, die Ambition der SchauspielerInnen und die flotte Inszenierung perfekt zusammenspielen. Ist es ein Stück? Eigentlich nicht – es ist eine 18-teilige Szenenfolge, die sich aus allen möglichen Richtungen an die Schwierigkeit und Unmöglichkeit perfekter Beziehungen annähert. Im Mittelpunkt: Die Liebe, ihr Preis, ihr Wert, ihre Chance.

Da ist der Pfarrer im hoffnungslosen Dialog mit „seiner“ Prostituierten, das kinderlose Ehepaar, das sich eine Scheinwelt vorspielt, der Lehrer, der seine vermeintlich (?) unschuldige Liebe zu seinem Schüler zu erklären versucht, der Bräutigam, der zu Vieles nicht gesagt hat. Immer wieder schält Pommerat in den Szenen heraus, wie leicht Beziehungen durch mangelnde Kommunikation kaputt gehen. Aber auch dadurch, dass Rechthaberei und Beharren auf die eigene Ansicht Beziehungen und Liebe zerstört (wie etwa im Dialog zweier Männer). Es ist nicht immer bloß spaßig oder unterhaltsam, was da auf der Bühne abläuft – es ist ein Abend zum Nachdenken.

Und weshalb das Stück so heißt wie es heißt erklärt sich in einem scheinbar flüchtig hingesagten Nebensatz. Capa-kaum kann Theater- und Beziehungsinteressierten nur empfehlen, sich auf diese psychologisch-intellektuelle Abhandlung über die Schwierigkeiten des Miteinander einzulassen.

Die Wiedervereinigung der beiden Koreas (Joel Pommerat). Akademietheater, Wien. Regie: Peter Wittenberg. Mit: Dorothee Hartinger, Markus Hering, Sabine Haupt, Dörte Lyssewski, Petra Morzé, Daniel Jesch, Dirk Nocker, Martin Reinke, Frida-Lovisa Hamann.

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