Der Milli-Mini-Wahn

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Feb2017 17

Das waren noch Zeiten, als man morgens aus dem Fenster schaute, die Quecksilbersäule des Thermometers beäugte und feststellte, es sei Pullover-Wetter, denn die blaue Säule zeigte irgendetwas bei 6 oder 7 Grad. Egal. Heute genügt ein Blick auf die Wetterstation im Wohnzimmer, die Innen-und Außentemperatur, dazu noch die Prognose für drei Tage und, lächerliche Zusatzübung für das Gerät!, auch die Uhrzeit anzeigt, um zu wissen: Es hat, jetzt, um 7 Uhr 42 Minuten und 35 Sekunden, draußen 3,9 und drinnen 23,2 Grad.

Es muss eben in unserer heutigen durchelektronisierten Welt alles aufs Komma genau sein – und wenn geht, noch auf zwei oder drei Stellen dahinter. Capa-kaum sieht ja ein, dass das zumindest in etlichen Sportarten nötig ist, um die Platzierungen in den Resultatlisten feststellen zu können.

Sportfans haben sich seit langem daran gewöhnt, dass etwa im Skirennlauf oder Bobfahren auf Hundertstelsekunden genau gemessen wird. Ist ja auch notwendig, muss man sagen, denn das Leistungsniveau wird immer höher, Messungen bloß auf Zehntelsekunden (wie in der „Steinzeit“ der Konkurrenzen vor ein paar Jahrzehnten) würden zu einer Vielzahl von Ex-aequo-Platzierungen führen. Wobei zuletzt schon mehrfach zwei oder sogar drei Konkurrenten auf die Hundertstelsekunde mit gleicher Zeit ins Ziel kamen.

Die Rennrodel-Gemeinde trieb dies jedoch vor Jahren schon auf die Spitze. Dort geht es nämlich um Tausendstelsekunden. Da gewinnt man ein Rennen beispielweise mit 51,054 Sekunden, während der Zweitplatzierte 51,055 Sekunden für seine Fahrt durch den Eiskanal gebraucht hat.

Eine Tausendstelsekunde. Ein Wimpernschlag? Nein, weniger. Nicht wirklich messbar für unsereins, nur noch darstellbar durch die Computeruhr. Gut für jene, die Listen führen, Preise vergeben oder Wertungen erstellen wollen.

Millisekunden, Minidifferenzen – der Sport als Wegbereiter unseres Verständnisses, wie die Welt im 21. Jahrhundert zu funktionieren hat. Capa-kaum wartet darauf, dass Züge um 10:20,40, also 10 Uhr 20 und 40 Sekunden, abfahren sollen (und doch erst, old-style-gemäß, dies mit 3 Minuten Verspätung tun…). Und ist es wirklich so retro, die Temperatur vom Thermometer ohne Komma wahrzunehmen? (Ja, ja: Ausnahme ist natürlich das Fieberthermometer…)

2 Kommentare zu “Der Milli-Mini-Wahn”

  • Retep8 17. Februar 2017

    Das ist dem Ingenieur zu ungenau. Schon mal was von Paralaxefehler bei analogem Ablesen von Quecksilbersäulen gehört.

    Spass beiseite. Da Gewinner und Platzierte in den meisten Wintersportarten ja auch Geldprämien dafür bekommen, wäre Ex-aequo für die veranstalter viel zu teuer. OK, das war auch spassig gemeint.

  • AusderTonnemitBlick...auf den Vermessungstick 17. Februar 2017

    Ach, wie recht Du wieder einmal hast! – Und Deine Beispiele erst einmal, zeigen den vollen Wahnsinn. Nicht nur die mit dem Bob! Und das geht so seit Jahren!! – 23,2 Grad! – In einem Zimmer, in dem man außer auf der Couch sitzen noch irgendwie wenigstens eine Synapsenbewegung vollführen können soll – nahezu eine Unmöglichkeit! Selbst die Sache mit dem Fieberthermometer – ein wirklich fieberndes Kind fässt sich ja schon heiß an, auch glasige Augen deuten auf etwas höhere Temperatur als normal hin, hohe Temperatur geht auch oft mit kaltem Schweiß einher und ab 39 mit Bewusstseinstrübungen und verlangsamter Motorik. Eigentlich muss nur dann Fieber gemessen werden, wenn nach z.B. operativen Eingriffen oder berechtigtem Verdacht auf bestimmte schwerwiegende Erkrankungen selbst eine nur geringfügige Erhöhung der Körpertemperatur eine beginnende Sepsis anzeigen kann. Mit dem Eiskanal und den Bobs ist das freilich anders – auch ist da immer sehr viel Geld im Spiel, da kann es ja gar nicht nanosecundär genug sein:))
    Ich weiß, ich weiß, mir wurde schon öfter angeraten, mich an die Wand zu stellen, mich ganz ruhig zu verhalten und mit digitalisiertem Herzen einer erfolgreichen Karriere als Barometer entgegenzuhoffen-

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