Der Gorki-Fall

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Jan2013 09

Eigentlich ein Theater-GAU, aber ein Symptom dafür, was seit einigen Monaten am Berliner Maxim Gorki-Theater los ist. Dass auf einen Teil eines Stückes – wie jetzt bei Demenz, Depression und Revolution – unmittelbar nach der Premiere aus rechtlichen Gründen verzichtet werden muss, kommt ja nicht alle Tage (oder Jahre) vor.

Capa-kaum erinnert sich: Frank Castorf, der leidenschaftliche Stückezertrümmerer, hatte vor vier Jahren die alte Arnold-und-Bach-Klamotte Hulla Di Bulla so sehr entstellt, dass er Tage vor der Premiere in seiner Volksbühne den Titel auf Amanullah, Amanullah ändern musste – immerhin eine weiche Landung. Gorki-Chef Armin Petras, der selbst sowohl für das Stück (unter seinem Pseudonym Fritz Kater) als auch für die Regiearbeit der Zeitproblem-Trilogie verantwortlich zeichnet, hat sich da jetzt mehr Probleme eingehandelt. Man kann ihm vorwerfen, das Selbstmord-Schicksal des depressiven Torhüters Robert Enke zu dokumentarisch abgehandelt zu haben. Aber das ist Geschmacksache und liegt irgendwo in oder außer dem Spektrum des Kulturverständnisses. Und wie der Rechtsstreit ausgeht, wird man sehen.

Viel mehr aber scheint es, beobachtet Capa-kaum seit Monaten, dass Petras mit seinen Gedanken schon mehr in Stuttgart ist, wohin er im Sommer abschwirrt. Gar nicht lang ist’s nämlich her, zwei Jahre etwa, da war das Gorki-Theater von Stückauswahl und deren Inszenierungen zweifellos in Berlin führend – deutlich vor dem Deutschen Theater und der Schaubühne. Zuletzt aber gab es mehr Schatten als Licht, und wäre nicht das bemerkenswerte Ensemble mit wunderbaren Schauspielern von Peter Kurth bis Julischka Eichel und Sabine Weibel, von Michael Klammer bis Ronald Kukulies, Gunnar Teuber und Anja Schneider usw. usw., dann wäre so manche zweifelhafte Aufführung zum echten Flop geworden.

Wie etwa der derzeit aktuell gespielte Bahnwärter Thiel. In dem wird Gerhart Hauptmanns Novelle de facto gleichsam als szenische Text-Deklamation dargeboten, aufgemotzt mit einer Vielzahl von teils unnötigen, teils unverständlichen Bild- und Musikeinfällen. Immerhin lernt man dabei als Zuseher, dass Peter Kurth diverse Vogelstimmen exzellent pfeifen und Regine Zimmermann im Pole-Dancing durchaus mit Profi-Tänzerinnen mithalten kann. Ja, und? Regie: Armin Petras – hat er seit eineinhalb Jahren einfach zu wenig Zeit? Zu wenig Lust? Zu wenig Kreativität angesichts der Vororganisation für seine Stuttgart-Intendanz?

Schade jedenfalls, dass Petras, der das kleinste der fünf Berliner Stadttheater in die führende Rolle gebracht und ausgezeichnete Akteure rund um sich versammelt hatte, nun auch für den bedauerlichen Fall des Gorki-Theaters verantwortlich ist. Und da geht’s, wie gesagt, nicht bloß um die aktuelle rechtliche Misslichkeit, sondern um eine Entwicklung, die auch auf künstlerischer Ebene Platz gegriffen hat. Schade also fürs Theaterpublikum. Schade aber auch für die Schauspieler, die für Petras im wahrsten Sinn des Wortes durch Feuer und Wasser gegangen sind und immer wieder außergewöhnliche Theaterleistungen bieten.

Besorgt kann man als Beobachter der Theaterszene auch sein, was die künftige Situation des Gorki-Theaters betrifft. Die Petras-Nachfolgerin Shermin Langhoff hat, wie Capa-kaum berichtet wird, in den vergangenen Wochen im Haus schon viel Unfrieden erzeugt und durch harsche, oft widersprüchliche Erklärungen viele Mitarbeiter verprellt, zahlreiche andere gekündigt. Jedenfalls werden die meisten SchauspielerInnen das Gorki-Theater auch freiwillig verlassen. Aber vorerst muss Armin Petras noch den Image- und Finanzschaden, der durch den Enke-Teil seiner Trilogie entstanden ist, ausbessern. Hat man doch an diesem Werk schon seit vergangenem Sommer gearbeitet…

Bahnwärter Thiel (Gerhart Hauptmann). Maxim-Gorki-Theater, Berlin. Regie: Armin Petras. Mit: Peter Kurth, Regine Zimmermann, Diane Gemsch.

1 Kommentar zu “Der Gorki-Fall”

  • Ana 12. Januar 2013

    Ich finde, Armin Petras verhält sich äußerst arrogant

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