Viele Aufführungen kommen am besten dort zur Geltung , wo sie von Ort und Thema hingehören. Ein Musterbeispiel dafür ist das im Berliner Tipi-Zelt gespielte Musical Cabaret. Es gehört nach Berlin, spielt es doch im Berlin der dreißiger Jahre, am Vorabend der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.

Und hier ist Capa-kaum schon bei dem Besonderen dieser Inszenierung: Der renommierte Regisseur und Choreograph Vincent Paterson hat es geschafft, den durchaus ernsten politischen Kern des Musicals herauszuarbeiten – ein wesentlicher Unterschied zu dem mit 8 Oscars gekrönten Kinofilm aus dem Jahr 1972, in dem Liza Minellis Sally Bowles im Mittelpunkt stand. Hier aber prägt die anspruchsvolle Story um Träume, Hoffnungen, Ängste und Anpassung das Geschehen. Und das eingebettet in den Musical-Zuckerguss – ein Wurf, der es einem nach dem heiter-exzessiven Beginn im zweiten Teil kalt über den Rücken laufen lässt und Diejenigen, die hinhören wollen, mit der im Stück gestellten Frage „Was haben wir damit zu tun?unsanft in die aktuelle Gegenwart bringt.

Es ist ebenso bemerkenswert, wie es Vincent Paterson geschafft hat, die doch recht komplexe Struktur des Musicals zu verdichten und auf die kleine Bühne zu bringen. Durch kluge Streichungen und gestalterische Ideen, die zwar Erinnerungen an den Film wach rufen, sich aber von diesen geschickt absetzen. Grundsätzlich ist es stets ein Wagnis, einen Filmerfolg auf einer Theaterbühne nachzuspielen. Man hat doch immer bestimmte Gesichter, Abläufe und Situationen vor Augen und nimmt sie trotz allen Bemühens um objektive Betrachtung als Maßstab, obwohl man weiß, dass die Form der Bühneninszenierung die Möglichkeiten gegenüber dem Spielfilm an Handlungsvariation, Dynamik und Ausstattung einschränkt.

Doch hier ist das filmische Vorbild schon bald nach Beginn der Aufführung vergessen, meint Capa-kaum. Kein Wunder: Paterson versteht ja sein Handwerk, hat er unter anderem für das Starduo Netrebko-Villazon die Oper Manon und für den Cirque Du Soleil die Produktion Elvis gestaltet. Außerdem sind Darsteller am Werk, die Qualität und Persönlichkeit genug haben, um nicht als Abziehbilder berühmter Modelle zu wirken. Etwa Sophie Berner als Sally Bowles. Die in Darstellungskraft und Gesang exzellente Sophie Berner schafft es, ihre eigene ausdrucksstarke Persönlichkeit mit jenen Elementen zu verbinden, die man aus dem Hollywoodfilm in Erinnerung hat. Dazu rundum ein sehr gutes und präzis arbeitendes Ensemble inklusive Fünf-Mann-Combo, die mit ihrem variantenreichen Sound Stimmungen vielleicht sogar besser vermittelt als ein großes Orchester.

Übrigens: So wie Cabaret (in dieser Saison noch bis 20. September) gehört auch ein weiteres, derzeit in Berlin mit ebenso großem Erfolg aufgeführtes Musical in die deutsche Hauptstadt: Das ein halbes Jahrhundert später spielende Musical Hinterm Horizont, das mit Udo Lindenberg-Sound in die Zeit vor der Wende führt.

Cabaret (John Kander, Joe Masteroff). Tipi am Kanzleramt, Berlin. Regie: Vincent Paterson. U.a. mit: Sophie Berner, Oliver Urbanski, Guido Kleineidam, Regina Lemnitz, Peter Kock, Torsten Stoll, Anja Karmanski.

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