Einmal (sozusagen) in eigener Sache: Als Capa-kaum im Jahr 1765 durch Joseph Freiherr von Sonnenfels in seiner Publikation „Mann ohne Vorurteil“ als Figur zum Leben erweckt wurde, um durch einen vorurteilsfreien Fremdling gesellschaftliche Missstände anzuprangern, waren es vor allem die Unzukömmlichkeiten der absolutistischen Monarchie, die Lebensweise des Adels und die tiefe Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Mächtigen und Beherrschten, die der aus der Ferne Kommende beobachtete. Es war die Zeit der beginnenden Aufklärung, in der Immanuel Kant forderte: Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Natürlich funktioniert die Gesellschaft heute anders als damals, im 18. Jahrhundert. Aber, muss Capa-kaum anmerken: Ist es wirklich so anders – abseits von technischen Errungenschaften, von neuem sozialen Verständnis, von gleichberechtigterem Umgang zwischen Männern und Frauen. Verstellen heute nicht Smartphones, Internet-Fernsehen, Bordcomputer im Auto und Konsumlust den Blick aufs Wesentliche im Leben? Und darauf, dass vielleicht im prinzipiellen Funktionieren der Gesellschaft heute gar nicht so viel anders ist als damals?

Natürlich erscheint in der Zivilisation unseres alten Kontinents der Adel auf die Rolle von Boulevard-PR-Maschinen zurückgestutzt, ist der Absolutismus vergangener Tage demokratischen Parlamenten gewichen und gibt es den mühsamen Versuch, ein gemeinsam funktionierendes Europa zu schaffen. Doch es ist auch zu sehen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Mächtigen und Beherrschten nach wie vor besteht. Die Protagonisten heißen heute nur anders: Denn Wirtschaft und Politik bestimmen nicht weit blickende Politiker, sondern Großbanken und global agierende Konzerne. Geheimdienste spionieren mit ihren Internet-Möglichkeiten Alles und Jeden aus und gewinnen dadurch Macht in der heutzutage wertvollsten Ressource: Information.

Das andere Ende der heutigen gesellschaftlichen Welt: Langzeitarbeitslose, Obdachlose, Junge, die trotz Ausbildung kaum Chancen haben, vernünftig in den Arbeitsmarkt zu kommen. Und der einfache Bürger gibt sich gar zu oft mit Unterhaltungssendungen im Fernsehen, Ablenkung in Freizeitvergnügen oder Postings in Facebook zufrieden, chattet über WhatsApp statt in persönlichem Gespräch und schlägt die Zeit mit Computerspielen tot. Übertrieben? Zugleich beobachtet Capa-kaum, dass noch im 21. Jahrhundert manche Formen der Gleichberechtigung  in der Gesellschaft für Viele mit gewohnten Wertvorstellungen unvereinbar scheinen.

Hier tut sich ein weites Betätigungsfeld für all Jene auf, denen es nicht gleichgültig ist, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. Oder, um es nochmals mit dem Denker der Aufklärung zu sagen: „Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.“

Wenn da der politische Mahner Stéphane Hessel vor einiger Zeit „Empört Euch!“ gerufen hat, kann Capa-kaum diesem Zuruf gleich die Aufforderung anschließen, jeder möge doch aktiv werden, in seinem Bereich, nach seinen Möglichkeiten einen positiven Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Die Gesellschaft – das ist doch die Summe der Einzelnen. So wie ein Bauwerk aus der Summe der Bausteine entsteht. Und, um das Bild fortzusetzen: Bausteine, und auch die kleinsten, gewinnen ihren Wert nicht durch das bloße Herumliegen auf der Baustelle, sondern durch ihren Einbau an richtiger Stelle.

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