Kein Zweifel: Der Kampf in der heutigen Arbeitswelt ist hart, das Arbeitsleben ist grimmiger geworden. Werte, die noch vor 15, 20 Jahren gezählt haben, sind Relikte einer längst vergangenen Zeit. Und wer noch immer darauf baut, hat verloren. „Respekt“ und „Erfahrung“ – diese Begriffe sind für die neue Generation der Checker, Könner und Alles-möglich-Macher ohne Belang. Jung sticht Alt, wer da nicht mitmacht, hat verloren – jedenfalls: Die Firma dankt.

Mitmachen, auch im Preis der Aufgabe der Selbstachtung? Zählt die eigene Würde überhaupt noch angesichts der Tatsache, dass man eine Familie zu versorgen hat und deshalb nicht von der Arbeitswelt-Maschinerie ausgespuckt werden will? Selbstaufgabe als Konzept in der Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Lutz Hübner hat ein bitterböses und gar nicht so überzeichnetes, allzu wahres Stück geschrieben, das nach Erfolgen in Dresden und bei den Theatertagen Mühlheim nun an der Berliner Vaganten-Bühne aufgeführt wird. Die Firma dankt lautet der gleichsam programmatische Titel, unter dem sich alles das vereint, was Zehntausende Arbeitende in den letzten Jahren nach Firmenübernahmen sehr real erlebt haben: Jahrelange Leistung ist für die neuen Macher uninteressant, was zählt, ist schneller Gewinn. Es geht um den Verkauf des Produktes, erklärt der neue Jungchef an einer Stelle des Stückes dem langjährigen Mitarbeiter, und am besten wäre es deshalb sowieso, Produkte zu entwickeln, die sich nach drei Wochen selbst vernichten.

Alle machen mit bei diesem Spiel um Chancen und Hoffnungen eines leitenden Mitarbeiters, der bisher ausgezeichnete Leistungen geboten hatte, der aber nicht wahrhaben will, dass sein Vorleben niemanden interessiert. Für den neuen Jung-Personalchef ist seine Ahnung, dass er selbst in zwei Jahren nicht mehr gebraucht werden wird, wie ein Spielmuster aus einer virtuellen Computerwelt. So dreht und wendet er sich, wie es vom Chef gewünscht wird, um möglichst lange zu überleben.

Hübner, der mit seinen Stücken wie Ehrensache (seinerzeit ebenfalls an der Vaganten-Bühne) immer den Finger tief in die Wunden der Zeit drückt, entwirft das Bild der geänderten Unternehmenskultur, die die Arbeitsgeneration 50plus durch Mobbing und Bashing zunehmend erlebt. Leider keine Fiktion, nicht einmal theatralische Überhöhungen, sondern schlicht und einfach ein auf die Bühne gebrachtes Abbild einer Arbeitswelt, die häufig erlebt und immer deutlicher angesteuert wird. Unangenehm, dem Fortgang der Story zu folgen, die Spannung im Publikum war auch bei der von Capa-kaum erlebten Aufführung spürbar, unterbrochen nur kurz bei spaßig-zynischen Akzenten, bei denen eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben muss.

Während die neuen Macher ab dem ersten Tag an die Karriere denken, wie es in dem Stück heißt, versucht derjenige, der noch an Strukturen und gute Umgangsformen glaubt, über seinen Zwiespalt zwischen Ängsten und Hoffnung hinweg zu kommen. Doch er muss feststellen: Über ihn zählt der Personalakt weniger als das Dossier über seine schwarzen Punkte und Schwachstellen. Kann es genügen, ihm zu sagen, seine Fähigkeiten würden jetzt eben nicht gebraucht, aber in ein paar Jahren sicherlich ohnedies wieder? Oder kann es ihn zufrieden stellen, dass der neue Jung-Chef mit seinem phänomenalen Ausbildungstableau letzten Endes erklärt, dass das früher übliche formalistische Sitzungsverhalten, also für ihn: „Retro-Kapitalismus“, vielleicht ein neuer Akzent in der Unternehmenskultur wäre.

Die Firma dankt: Nach Gebrauch werden Menschen in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts eben weggeworfen. Ein düsteres Bild der Absurditäten der „neuen Unternehmenskulturen“, das in der kleinen Bühne, die mit unangenehm aktuellen Themen immer wieder Sehenswertes und nachdenklich Nachendes bietet, entworfen wird. Und leider ist davon vieles wahr.

Die Firma dankt (Lutz Hübner). Vaganten-Bühne, Berlin. Regie: Bettina Rehm. Mit: Jörg Zuch, Johann Fohl, Alex Anasuya, Manolo Palma, Sanne Schnapp.

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