Zum Ende der Theatersaison will Capa-kaum einmal anders Bilanz ziehen, als es üblicherweise im klassischen „Feuilleton“ der Medien der Fall ist. Abseits von den Abgesängen auf die Berliner Theaterheroen Frank Castorf und Claus Peymann, die nun ihre Intendantenzimmer in Volksbühne und Berliner Ensemble räumen mussten. Und abseits auch vom Trommelwirbel des Wiener Burgtheaters, dass nun endlich Martin Kusej mit einiger Verspätung in absehbarer Zukunft dort das Sagen haben soll.

Denn es ist einmal an der Zeit, sich damit zu befassen, mit welch unsäglichen Mitteln die Theater Kosten sparen (müssen). Na klar: Das Geld ist knapp, die Subventionen sprudeln nicht mehr so wie früher. Daher versuchen die großen Bühnen, die Stadt- und Landestheater sparsame Inszenierungen zu forcieren. Anmerkung: Um die kleinen Bühnen und Experimentaltheater geht’s dabei nicht, denn die erhalten – wenn überhaupt – so bescheidene Fördermittel, dass hier ohnedies ständig gespart werden muss – denn die paar Tausend Euro, die man vielleicht kriegt, reichen gerade mal für Miete, Licht und Heizung.

Gespart wird an den großen Bühnen oft mit dramaturgischen und bühnengestalterischen Unarten, die unter der Vorspiegelung einer ungewöhnlichen Regieidee oder einer richtungweisenden Inszenierung immer mehr Platz greifen. Die aber bei etwas genauerem Hinsehen zum Teil der Ökonomie des Theaterbetriebs geschuldet sind. Und weil man von den etablierten Kritikern dazu nichts Substantielles lesen kann, gibt Capa-kaum seinen Interessierten gerne einen aktuellen Überblick über die allzu gern angewandten kostensparenden Maßnahmen.

Erstens: Wenige Darsteller, die gleich einmal jeweils in mehrere Figuren schlüpfen – man frägt sich an solch einem Abend in einem größeren Ensembletheater immer wieder, warum denn das wirklich sein muss, denn mit dramaturgischer Notwendigkeit innerhalb der Inszenierung ist das so selten merkbar, dass es Capa-kaum in den etlichen Hunderten Aufführungen, die er allein in den letzten paar Jahren gesehen hat, noch nie festgestellt hat. Im Gegenteil: Oft ist es einfach ärgerlich, wenn – wie in einer Inszenierung von Die lächerliche Finsternis des Deutschen Theaters in Berlin – Kathleen Morgeneyer gleich sechs Figuren verkörpern muss, wo gerade dieses Haus ausreichend Ensemblemitglieder zur Verfügung hätte. Dazu kommt, dass diese Multinutzung einer Person in manchen Stücken für Teile des Publikums verwirrend ist – ein Beispiel für allzu viele.

Zweitens: Ein-Personen-Abende – sie sind, könnte man sagen, eine Spezialform der Sparflamme-Inszenierungen. Man kann als Zuseher wunderbare Erlebnisse haben wie Philipp Hochmairs exzellente Interpretation von Franz Kafkas Amerika am Hamburger Thalia-Theater, Susanne Wolff in Ismene Schwester von… oder Samuel Finzi mit seinem fordernden Monolog Tagebuch eines Wahnsinnigen, beide am Deutschen Theater Berlin. Für das Theater eine Win-win-Situation: Herausragenden Protagonisten wird die Bühne für ihr Können eingeräumt, das Publikum kommt gerne – und die Kosten für Ausstattung und Personal halten sich in engen Grenzen.

Drittens: Männer in Frauenrollen und umgekehrt – was manchmal wirklich eine gute Idee sein kann, um ein Stück oder eine Figur ins Allgemeine zu heben, verkommt oft als lässiger Trick, weil man die entsprechende Person für die Figur im Ensemble nicht zur Verfügung hat und sich Kosten für das Engagement einer externen Person sparen will.

Viertens: Romane zu Stücken machen – das spart oftmals Kosten, denn die Bearbeitung der literarischen Vorlage wird meist vom Hausdramaturgen gemacht, der den Text zur Bühnenreife bringt. Allerdings geht das oft schief. Denn manche Dramatisierung wie etwa Maja Haderlaps Engel des Vergessens am Wiener Akademieheater kann der Wortgewalt und inhaltlichen Intensität der Buchvorlage nicht gerecht werden. Ähnlich ergeht es mit der Umformung von Michel Houellebecqs Unterwerfung am Deutschen Theater Berlin. Rühmliche Gegenbeispiele gab es schon, sie liegen allerdings schon Jahre zurück: Etwa Die Wohlgesinnten, wobei Armin Petras (damals noch am Berliner Maxim Gorki-Theater) das 1.400-Seiten-Konvolut von Jonathan Littell in packende Theaterform gebracht hat; oder Stefan Zweigs Ungeduld des Herzens, bei dem es an der Berliner Schaubühne gelungen ist, die Fragestellung nach den Grenzen des Mitleids eindrucksvoll herauszuarbeiten. Immer auch kürzlich Das Geisterhaus im Wiener Akademietheater, wo es Antú Romero Nunes gelungen ist, die 500 Seiten Isabel Allendes auf spannende drei Stunden zu verdichten.

Fünftens: Wenig Bühnenausstattung – zugegeben: ist manchmal gerechtfertigt, bringt den Fokus auf die schauspielerische Leistung und den Inhalt; geschieht oft aber aus Kostengründen, denn das spart Arbeit und Material für die Herstellung und ebenso für den Aufbau zur Vorstellung.

Sechstens: Spielen auf der Hinterbühne – sehr praktisch, weil damit oft auch wesentliche Bühnenteile eines anderen Stücks auf der Bühne stehen bleiben können, während man dahinter in kleinem Rahmen spielt.

Die Budgets sind begrenzt, daher wird oft auch auf Kosten anderer Inszenierungen der Spielzeit Geld für egomanische Selbstinszenierungen hinausgeworfen, wie unter anderem mit elend langen Aufführungen, mit denen Frank Castorf sein Publikum gerne fünf Stunden oder mehr an die Sitze fesselt oder sich Peter Stein Regie-Denkmäler setzt, etwa mit der 22-Stunden-Aufführung des Faust mit Bruno Ganz oder der 10 Stunden dauernden Wallenstein-Trilogie mit Klaus-Maria Brandauer. Oft mit aufwändigen Ausstattungskonstruktionen – zugegeben: nur manchen Regisseuren gelingt es, Theaterchefs (und deren Kaufleute) von eigenwilligen Kostümen und Masken, zusammen mit teuren Bühnenauf-und Umbauten zu überzeugen – etwa Robert Wilson, der dies als seinen Stil über die Jahre hinweg entwickelt hat, oder sein nicht minder ausstattungsmäßig origineller „Schüler“ Herbert Fritsch. Egal: Wenn für eine Produktion zu viel ausgegeben wird, müssen drei, vier andere auf Sparflamme reduziert werden.

Wie erwähnt: Manches, was Capa-kaum hier unter Kostenersparnis aufgelistet hat, macht durchaus auch Sinn, erhöht die Intensität einer Inszenierung oder Darstellung. Die Mehrzahl aber ist einfach ärgerlich. Ob es im nächsten Theaterjahr besser wird? Wohl kaum.

2 Kommentare zu “Bilanz der Saison: Wie Theater Kosten sparen”

  • Capa-kaum 7. Juli 2017

    @AusderTonne…: Und übrigens, : Ja gerade von Tschick, der zuletzt so häufig inszenierten Bearbeitung, gibt es beides : Exzellent passendes Stimmiges (DT) und Billigversionen, dort wo solche nicht sein müssten…

  • AusderTonnemitBlick...aufunteranderemTschick 7. Juli 2017

    Lieber Capa-kaum – doch! Das kann schon im kommenden Jahr viel besser werden, wenn das auch mal andere Leute so beschreiben wie du das hier im Netzversteck tust! – eines hast Du allerdings vergessen: die Abrichtung der Dramatik und damit des literarischen Bühnentauglichen Denkensauf diese Situation. Alle die Wettbewerbe und Wettbewerbchen, die schon die Autoren und Autorinnen darauf einschwören, die Theater-Situation konkret zu bedenken und die dann Textflächen, die halt beliebig, je nach Auslastungsmaßgabe der KBBs verteilt werden können, fabrizieren. Alle diese 2 und höchstens Vier-Personen-Stücke, die im zeitgenössischen WG-Ambiente inszeniert werden könne, das der Bühnenbildner in einem Papphaus mit IKEA-Möbeln herrichten kann, all die Stücke, in denen dramatische SITUATIONEN durch das Aufeinandertreffen von Figuren, die eigenständige, konträre Interessen haben und die trotzdem voneinander abhängig sind, keine Rolle mehr spielen…
    Und es gibt kaum mehr große Bögen in denen Bühnenb – ach nein, das plaudere ich jetzt nicht aus.
    Soloabende fürvon Schauspielgrößen finde ich ganz wunderbar. Sie sind zu jeder Zeit ein Publikumsrenner gewesen. Und können die beste Werbung für ein Theater-Ensemble sein. Als Nebenprogramm… Werden sie zum Hauptprogramm, langweilen auch sie. Es ist an den Intendanten, das für die Geldgeber überzeugend rüberzubringen und in ihren Häusern für Kosteneinsatz-Gerechtigkeit innerhalb der Produktionen zu sorgen. Und es wäre ganz wunderbar, wenn die Theaterkritik bei der Beurteilung ener Inszenierung auch auf diese Aspekte schaut, die Du so gwohnt scharf beobachtend und umstandlos zusammenfassend aufgelistet hast – und danach noch einmal überlegt, ob sie es eher mit Originalität oder eher mit Sachzwängen zu hatte…

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