Berliner Schmankerln

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Jul2016 28

Gern ist man versucht, über die Schwächen der Politik in der eigenen Stadt zu räsonieren. Deshalb für alle Nicht-Berliner einmal eine spezielle Stippvisite an die Spree – mitten im Sommer und wenige Wochen vor dem dort anberaumten Wahlgang. Denn es erscheint Capa-kaum notwendig, zum Beispiel allen jenen Österreichern, die so gerne über Unzulänglichkeiten, Fehlplanungen oder den Intrigantenstadel des Kulturbetriebs nach traditioneller Art raunzen, das Beispiel der Hauptstadt des großen Nachbarn vor Augen zu führen, um ihnen gleichzeitig dieselben zu öffnen, dass es in Berlin derzeit ein gerüttelt Maß seltsamer zugeht als beispielsweise in der Donaumetropole.

Dort diskutiert man zum Beispiel seit kurzem endlich über die Anbindung des Flughafens an die U-Bahn. Nein, um Irrtümer gleich einmal zu beseitigen, es geht nicht um den neuen Hauptstadtflughafen BER südlich der Stadtgrenze, der längst schon in Betrieb sein sollte, dank unzähliger Fehlplanungen und Baumängel jedoch erst Ende 2017, eher 2018 (oder noch später ?) fertig sein dürfte. Es geht um die gute alte Flugdrehscheibe Berlin-Tegel, bisher weder mit U- noch mit S-Bahn erreichbar. Und so wird es auch bis zur Schließung (bei Inbetriebnahme des BER) bleiben, denn die seit Jahrzehnten geforderte U-Bahn-Verbindung dorthin soll erst danach für dort vielleicht entstehende 5000 Wohnungen gebaut werden…

Oder der nervenaufreibende Kampf um das Hundeverbot an den beliebten Grüngebieten Schlachtensee und Krumme Lanke. Erst hat der Bezirk die freilaufenden und in den Gewässern tollenden Hunde auf Betreiben der Spaziergänger von dort gebannt, dann gab es gerichtliche Schritte, nun hat der Berliner Senat das Hundeverbot aufgehoben – und der Streit geht in die nächste Runde…

Für Beobachter spaßig auch das Chaos in den Bürgerämtern, wo unzeitgemäße Computertechnik, fehlerhafte Software und Behördenlaxheit dazu führen könnte, dass der Mitte September stattfindende Wahlgang irregulär wäre, weil unter anderem die Wählerlisten und Informationen einfach nicht zeitgerecht erstellt werden können. Jetzt versucht man das Ärgste zu vermeiden… Anmerkung zu den Bürgerämtern: Seit Monaten schon kann ein Termin zur Ausstellung von Dokumenten (etwa für An-oder Abmeldung) nur zwei Monate im Voraus im Internet gebucht werden (wenn man sich nächtens an den Computer begibt und dann noch Glück hat).

Und in der Kultur?

Hier schafft es Berlin, dass gleich mehrere wichtige Museen gleichzeitig auf Jahre hinaus geschlossen sind: Die Neue Nationalgalerie (zwecks Renovierung, bis 2019?), das Pergamon-Museum (teilweise bis mindestens 2019, insgesamt bis 2025!) und die Museen Dahlem (Zug um Zug, denn deren riesige völkerkundliche Sammlungen übersiedeln in das 2019 zur Eröffnung vorgesehene Humboldt-Forum = Stadtschloss). „Gute“ Koordination für touristische Hotspots

Sehr viele Parallelen zum Dauerdesaster Flughafen bietet auch die von Jürgen Flimm geführte Staatsoper Unter den Linden. Wegen Umbaus seit 2010 geschlossen (Ersatzspielstätte im alten Schiller-Theater), der eigentliche Wiedereröffnungstermin liegt schon drei Jahre zurück, immer neue Baukapriolen, ein im Prinzip ergebnisloser Untersuchungsausschuss… Wird nächstes Jahr wirklich und endlich eröffnet?

Zuletzt noch die Theaterlandschaft:

Während das altehrwürdige Gorki-Theater mit seinem nunmehr „postmigrantischen Konzept“ der Prinzipalin Shermin Langhoff zwar Kulturpreise einheimst, lassen die Einnahmen zu wünschen übrig und geriert sie sich als Probebühne auf Steuerkosten. So machte man kürzlich Aufsehen damit, dass man einer Künstleraktion Bühne bietet, deren Protagonisten sich Tigern vorwerfen wollten, wenn sich die Flüchtlingspolitik nicht ändert – die Tiger waren vor dem Gorki-Theater in dort aufgestellten Käfigen eingesperrt, deren Haltung auf öffentlichem Platz wurde letzten Endes verboten, die „Kunstaktion“ abgebrochen.

Dazu das Hickhack um die traditionsreiche Volksbühne, in der Frank Castorf nur noch ein Jahr lang werken darf. Sein vom Berliner Kulturstaatssekretär bestellter Nachfolger Chris Dercon, der bisher bloß als Museumsleiter tätig war, sieht sich immer größerer Ablehnung gegenüber: Das Volksbühne-Ensemble agiert mit offenen Briefen, gibt in Interviews fundierte Begründungen für ihre Ablehnung – und wird vom stets streitlustigen Berliner Ensemble-Chef Claus Peymann gerne unterstützt.

Die Berliner Politiker lassen in diesem Fall wie auch in den anderen von Capa-kaum geschilderten alles an sich abprallen, schließlich ist doch Vorwahlzeit…

3 Kommentare zu “Berliner Schmankerln”

  • Aquarius 29. Juli 2016

    Berlin, was für eine verrückte Stadt. Alles wird geändert, und dann funktioniert es irgendwie doch wieder. Ich liebe die Stadt dafür.

  • Paul 29. Juli 2016

    Tja, es ist nun mal so: Die Deutschen sind super im Organisieren … aber wenn’s mal schief geht … o je …

    Bei uns in Österreich wird hingegen die Schlamperei von vornherein mit eingeplant …

    Die Ergebnisse sind deshalb zum Teil ähnlich.

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 28. Juli 2016

    Lieber Capa-Kaum! – Das ist ungerecht! – die Berliner können gar nichts an sich apprallen lassen, das ist ja ihr Problem! – Leider ist ihr eingeübter Lösungsansatz der, schnell ein neues interessantes Desaster zu schaffen, ehe eines von den zwischenzeitlich langweilig gewordenen beseitigt wird. Und darin sind die einfach super!!!

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