Bedingt lernfähig

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Jan2016 13

Freilich: Die Fernsehmacher haben’s schwer. Die Alten, ihre bisherige Stammseherschaft, sind mit dem Programm nicht zufrieden, weil’s ihnen zu jugendlich ist. Die Jungen surfen lieber im Internet, chatten über Facebook oder schauen Filme wann immer sie wollen über Netflix. Also sinken die Reichweiten, konsumieren immer weniger Menschen das, was ihnen von den Fernsehsendern vorgegeben wird – gleichgültig ob öffentlich-rechtlich oder privat.

Während die Privaten ihre Versuche mit neuen Sendeleisten, neuen Sendetypen und neuen Gesichtern mittlerweile jeweils schon nach ein paar Wochen wieder aufgeben (wofür das finanzielle Risiko ohnedies immer auf die produzierende Filmfirma abgewälzt wird, bei der dann eben wieder ein paar Dutzend Redakteure und Techniker ihre Jobs verlieren), wollen ARD und ZDF mit einer (aus ihrer Sicht) scheinbar cleveren Gegenstrategie punkten, um die Zielgruppe der Jungen von Internet und Netflix wegzubringen. Einer Strategie allerdings, die sich als untaugliches Mittel erweist.

Da lässt beispielweise die ARD die sechsteilige Politserie Die Stadt und die Macht produzieren – mit hohem Drehaufwand und Stars von den Hauptrollen (Anna Loos, Thomas Thieme, Burghart Klaußner) bis hin zu Nebenrollen. Und spielt dann (in dieser Woche) alle Teile in drei Doppelfolgen innerhalb von drei Tagen, noch dazu von Dienstag bis Donnerstag, weg. Nachher wundern sich die ARD-Fernsehmacher noch, dass die Quoten deutlich unter den Erwartungen geblieben sind. In diesem Fall entschieden sich am ersten Ausstrahlungstag nicht einmal drei Millionen Seher, drei Abende dafür zu reservieren. Weniger als 9 Prozent Marktanteil – ein Desaster für die ARD.

Dabei ist es doch klar: Wer (überhaupt von den jüngeren Krimifans) fixiert heutzutage noch drei Abende hintereinander fürs Fernsehen? Und eine Doppelfolge für später abzuspeichern, hilft in solch einem Fall auch nicht. Ganz abgesehen davon, dass als Einzelfolge geplante Sendungen mit ihrer spezifischen filmischen Dramaturgie aneinander gereiht ihre Wirkung verlieren – gerade auch bei kompliziert und verschachtelt aufgebauten Stories, deren Ablauf durch diesen „Schnelldurchlauf“ an drei Tagen plötzlich recht hanebüchen und überkandidelt erscheint.

Ähnliches versuchte die ARD bereits im Herbst mit der Fortsetzung ihrer Erfolgsserie Weißensee. Standen die Teile der vorigen Staffeln jeweils wöchentlich im Programm, so gab es diesmal auch hier an aufeinanderfolgenden Tagen eine richtige Kompaktausstrahlung. Auch hier der fehlgeschlagene Versuch, die Zuseher vor den Fernseher und ins eigene Programm zu zwingen.

Auch das Beispiel des ZDF vom Herbst hätte den Fernsehmenschen eigentlich genug der Lehre sein müssen. Da hatte das ZDF die fünfteilige Krimiserie Blochin mit Stars wie Jürgen Vogel und Corinna Harfouch ausgestattet, enormen Drehaufwand nicht gescheut und – einen Quotenflop gelandet. Weil die fünf Teile in zwei Doppelfolgen und einer Schlussfolge innerhalb von drei Abenden, noch dazu Freitag bis Sonntag, abgespult wurden.

Klappt aber nicht, liebe naive Fernsehmacher. Und wer auf die privaten Sender verweist, die zweit- und drittklassige amerikanische Krimiserien mit Doppel- und Dreifach-Folgen an einem Abend programmieren, übersieht, dass diese Serienteile immer in sich abgeschlossen sind. Nicht so, wie die im deutschsprachigen Raum qualitativ zweifellos hochwertiger konzipierten Serien, die über das jeweilige Geschehen in der einzelnen Folge auch noch eine Meta-Story legen, die sich über die ganze Staffel fortsetzt. Auch (oder gerade) die jungen Programmverantwortlichen müssten die breit gefächerte digitale Medienwelt doch wohl zur Kenntnis nehmen. Und sich darüber klar sein, wer vor dem Fernsehschirm sitzt (eben die Älteren) und dass die Jungen weder mit Netflix-artigen Versuchen noch mit zwanghaft jugendlichen Spätabend-Programmen von Internet, Facebook und Co. wegzubringen sind. Auch wenn man`s immer wieder versucht.

Befund für die so clever sein wollenden Fernsehmacher: Bedingt lernfähig.

3 Kommentare zu “Bedingt lernfähig”

  • Hubert Santner 24. Februar 2016

    ich kann das nur auch Österreich übertragen und ich bin seit 2007 absolut Fernsehlos, vorher gab es nur die 2 Programme vom ORF.
    Eine andere Reaktion auf den Inhalt war für mich nicht möglich.
    Es geht auch mit Radiohören von Ö, dem einzigen Sender ohne Werbung, mit Nachrichten und klassischer Musik.

    Ich fühle mich prächtig dabei!

    LG Hubert

  • Monika 18. Januar 2016

    Ich habe mich während meiner aktiven Zeit auch immer gewundert, wie wenig Talent die Programmverantwortlichen der öffentlich rechtlichen Sender haben. Die Meisten, die ich kannte, haben weder das eigene Programm angeschaut, noch die Konkurenz. Eine Art Trend-Scout für Programmentwicklung hat es sowieso nie gegeben. Ich habe immer ganz lange überlegt, wie diese Leute zu ihren sehr gut bezahlten Jobs gekommen sind ……. Alles ist doch nur Politik 🙁

  • z4711 14. Januar 2016

    die programmierung liegt doch sicher daran, dass die fernsehleute selbst die qualität ihrer sendungen/serien so einschätzen. ich meine: die wissen, dass die serie nicht so gut ist wie sie im vorfeld verkauft wird. also besser schnell rausgehauen als in wochenportionen mit noch größerem quotenschwund verbraten

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