Sehr oft bedarf es einer beharrlichen Initiative, um jemanden ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken, der seltsamerweise in Vergessenheit geraten ist. Wie im Fall des altösterreichischen Barons Rudolph Carl von Ripper, über den Capa-kaum nun Bemerkenswertes erfuhr – wobei die Umstände dieser Information genauso eigenartig anmuten wie der Lebensweg des 1960 im Alter von nur 55 Jahren verstorbenen Mannes. Denn kein Österreicher, sondern eine schottische Autorin und Journalistin, Sian Mackay, hat über Jahre hinweg das Leben des Barons erforscht und darüber ein Buch geschrieben („Von Ripper’s Odyssey“), dieses jetzt auf der Baleareninsel Mallorca präsentiert, und zwar in der Galerie des deutschen Unternehmers Braun. Sie alle haben eigentlich mit Baron von Ripper nichts zu tun, außer dass dieser – wie jetzt die Autorin und der Unternehmer – auf Mallorca gelebt hat.

Aber es ist verdienstvoll, diese schillernde Persönlichkeit bekannt zu machen. Zuerst einmal war er ein Künstler des Surrealismus, der von George Grosz inspiriert interessante Gemälde, Zeichnungen und Radierungen geschaffen hat, vor und während des Zweiten Weltkriegs anerkannt in Europa und Amerika. Von Ripper war in seinen frühen Jahren mit Otto Dix und Käthe Kollwitz ebenso befreundet wie später mit André Malraux, Ernest Hemingway oder Salvador Dali. Vom Hitler-Regime  wurden seine Arbeiten als „entartete Kunst“ verboten, 1934 wurde er im Konzentrationslager Oranienburg inhaftiert und – nicht zuletzt weil er Christ und „Arier“ war – auf Intervention der österreichischen Botschaft nach einigen Monaten freigelassen und aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.

Von Ripper trat der französischen Fremdenlegion bei und kämpfte im spanischen Bürgerkrieg. 1938 emigrierte er in die USA, wurde amerikanischer Staatsbürger, erhielt ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung und trat mit seiner Arbeit als einer der glühendsten Kämpfer gegen den Faschismus in Europa auf. In autobiografischen Bildern stellte er seine Erlebnisse im KZ dar, in zahlreichen Werken prangerte er Tyrannei und Hass an. 1942 ließ er sich als Kriegskünstler in die US-Armee einziehen und schuf zwar unter anderem einen ausdrucksstarken Bilderzyklus zum Italienfeldzug der Alliierten (der sich im Militärmuseum in Washington befindet), wurde aber bald Nachrichtenoffizier und wechselte damit von der Kunst in den Geheimdienst.

Auch nach Kriegsende war er während eines Lehrauftrags an der Wiener Kunstakademie weiterhin als CIA-Agent tätig, zog sich aber mit seiner amerikanischen Frau später nach Mallorca zurück, um nur noch zu malen, und lebte bis zu seinem Tod in Pollenca im Norden der Insel. Doch wahrscheinlich trug seine langjährige Tätigkeit als Agent des amerikanischen Geheimdienstes dazu bei, dass er als Künstler in Vergessenheit geriet…

6 Kommentare zu “Baron, Künstler, Kämpfer und schillernde Figur”

  • Aquarius 26. September 2016

    Wie klug ist diese Erkenntnis. Ich glaube auch, dass wir nur bewundern können, wenn wir mehr als Sympathie empfinden. Schade, vielleicht verstellt uns das den Blick auf wirklich Großes. Oder es bewahrt uns vor viel Schlimmerem.

  • AusderTonnemitBlickzurSonne 26. September 2016

    Das ist auch eine sehr interessante Frage! – Man muss natürlich nicht! Aber meistens, wenn man sich länger mit einem Künstler beschäftigt, stellt man fest, dass man das tut, weil man irgendwie auch menschlich fasziniert ist oder, dass man jemanden über eine Werk-Auseinandersetzung eben doch anfängt zu mögen, weil man ihn als Menschen mehr und mehr entdeckt dabei, obwohl das nicht das Primat hatte am Anfang der Auseinandersetzung – insofern akzeptiert man schon irgendwie so einen generellen Mensch-Werk-Zusammenhang. Wenn nicht, lehrt das eben die Kunst, ihn zu akzeptieren. Das ist doch immer wieder neu faszinierend. Ich mag die Frage auch beim Aufspüren vergessener Kunst oder vergessener Künstler… Vielleicht, weil sie zwingend zur Kunst UND zum Menschen führt. Oder eben umgekehrt. Dass das eigentlich nicht zu trennen ist, macht vermutlich die Faszination aus.

  • Aquarius 26. September 2016

    Habe mir gerade einige seiner Werke im Internet angeschaut. Die Arbeiten sind gut und interessant, an seinem Können liegt es nicht, dass er in Vergessenheit geriet. Das ist eine Frage, die mich bei vielen Künstlern immer wieder beschäftigt: muss ich den Menschen mögen, um sein Können anzuerkennen?

  • Aquarius 26. September 2016

    Interessante Figur. War es seine Kunst, sein Charakter oder einfach sein Lebensstil, der ihn uns vergessen ließ?

  • Capa-kaum 26. September 2016

    Tja…

  • PBV 26. September 2016

    Was ist daran zum „Weiter denken“?

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.