Manchmal kann das, was wie Koketterie klingt, durchaus authentisch sein. Im Publikumsgespräch nach der Aufführung seines Stückes „Odysseus, Verbrecher“ am Berliner Ensemble beharrte Christoph Ransmayr nämlich auf Capa-kaums drängendes Fragen darauf, er sei kein Dramatiker, er sei „bloß Autor“. Und er wäre doch über die Inszenierung (Anm.: wohl auch über die Textstreichungen) überrascht gewesen.

Überrascht darf man freilich auch als Konsument dieser vom Schauspiel Dortmund im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhrgebiet von Ransmayr bestellten und dann auf Wunsch des Autors völlig eigenständig erarbeiteten Aufführung sein: Wie sich die Form mit dem Inhalt zu bemerkenswerter Einheit zusammenfindet.

In seinem Stück schafft der österreichische Erfolgsautor Ungewöhnliches: Er macht aus einem alten Plot etwas Neues, aber nicht im so oft geübten einfachen „Mit-aktuellem-Bezug-Befrachten“-Modus, sondern durch kunstvolles Verweben der von Homer vorgegebenen Story mit Textspitzen, die von Ithaka und Troja aus Assoziationen zu Gegenwärtigem schaffen. Seien es die „Kollateralschäden“, die es bei Kriegen „eben gibt“. Oder das, was hinter der Ehre, um derentwillen gekämpft wird, in Wahrheit noch steht – Uran, Öl, Bodenschätze. Oder die Gier selbsternannter Reformpolitiker.

Die Form: Die Puppentheaterhaftigkeit des antiken Schauspiels mit Kothurnen, Masken und Stelzen. Der halbnackte Chor der untoten Kriegsopfer, die sich in den Köpfen der Schlachtenden festsetzen. Die kahlweiße Spielbox, aus der es kein Entrinnen gibt und die von ebenfalls Halbnackten nach jeder Szene gedreht wird. All das lässt Handlung und Text schon allein durch die Bewegung und die Sprechweise, auch durch das Fehlen der Mimik unabdingbar eindringlich wirken.

Mit dem wuchtigsten Satz des Stückes rechtfertigt Odysseus sein kriegerisches Morden seinem Sohn Telemach gegenüber ansatzlos mittendrin: „Man tötet nicht. Man versucht zu überleben.“ Da hat der Nicht-Dramatiker dem Autor einen Höhenflug zugestanden.

Odysseus, Verbrecher (Christoph Ransmayr). Schauspiel Dortmund. Regie: Michael Gruner. U.a. mit: Jakob Schneider, Günther K. Harder, Monika Bujinski, Juliane Gruner.

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