Derzeit hat Berlin einen bemerkenswerten Vergleich zu bieten. Und zwar sind seit einiger Zeit parallel im Deutschen Theater und auf der Gorki-Bühne zwei Versuche zu sehen, Moliére für ein modernes Theaterpublikum verträglich zu machen. Capa-kaums Zeitgenosse aus früheren Tagen hat zwar durch seine gesellschaftsklugen Inhalte auch für die heutige Zeit etwas zu bieten, aber durch seine sperrige Sprache und den mechanistischen Aufbau seiner Stücke sind Moliéres Bühnenarbeiten eine harte Kost für Regisseure und Publikum.

 Und da treten derzeit zwei Regisseure von Rang in den Ring. Andreas Kriegenburg, der sich am „Menschenfeind“ versuchte, eine Inszenierung, die vom Hamburger Thalia-Theater übernommen wurde. Und Jan Bosse, der gleich einmal die Bearbeitung des „Geizigen“ von Peter Licht hernahm. Zwei Zugänge zum alten Moliére, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

 Kriegenburg belässt die Sprache (leider) so wie sie seinerzeit geschrieben ward – mit all ihrer Unverträglichkeit langatmiger Monologe, denen man nur mit äußerster Konzentration gedanklich zu folgen imstande ist, wer das nach der ersten mühsamen dreiviertel Stunde überhaupt noch will. Er glaubt das Ganze durch zwei Großleinwände aufpeppen zu können, auf denen fast ständig die Gesichter der Monologisierer erscheinen. Und weil der zweifellos mit vielen anderen Regiearbeiten zu Recht gefeierte Inszenator offenbar selbst das Gefühl der Fadesse nicht verdrängen konnte, erfand er vor den besagten Leinwänden noch Tango Tanzende und Champagner Trinkende. Das alles in Durchschnittskleidung von heute.

Ganz anders Jan Bosse. In einer perspektivisch gestalteten Spiegelbühne bewegen sich Grimassen schneidende Lemuren in Moliére-Gewändern, ist abgehackter Jugendsprech angesagt, Klamauk ist Trumpf, erinnert alles nur noch entfernt an den Ursprungsautor – und doch hat Capa-kaum das Gefühl, hier wird das ursprünglich zeitentsprechend Konzipierte zum betroffen machenden Gegenwärtigen. In Moliére entsprechenden Monologen werden Themen abgehandelt wie Hormonbelastung, Adipositas und die Möglichkeit, zu viel heraus gequetschte Zahnpasta durch Unterdruck wieder in die Tube zurück zu befördern. Aber nicht nur so entstehen mit einem Mal Bezüge zu den großen Gesellschaftsthemen unserer Zeit: Der Geizige führt sein Publikum zu Generationenkonflikt, Geldkreislauf, Umweltschädigung, Ernährungsproblematik und dem Patenkinder-Wahn der Promis.

Was beide Inszenierungen eint, sind die wunderbaren Zentralpersonen: Jörg Pose als Menschenfeind und Peter Kurth als Geiziger – sie beide vermitteln authentisch das, was sich Capa-kaums früherer Zeitgenosse in seiner Gesellschaftskritik wohl vorgestellt hat. Insgesamt aber vergibt Capa-kaum einen klaren Punktesieg für Bosse. Er hat einfach Unterhaltsameres geboten. Nicht immer sind eben neue Gewänder der Garant für zeitgemäß wirkendes Theater.

Der Geizige (Peter Licht nach Moliére). Maxim Gorki-Theater, Berlin. Regie: Jan Bosse. Mit: Peter Kurth, Robert Kuchenbuch, Hilke Altefrohne, Johann Jürgens, Matti Krause, Sabine Waibel.

Der Menschenfeind (Moliére). Deutsches Theater, Berlin. Regie: Andreas Kriegenburg. U.a. mit: Jörg Pose, Judith Hofmann, Alexander Simon, Caroline Dietrich, Helmut Mooshammer.

1 Kommentar zu “Altes und neues Gewand”

  • kalinka 12. Mai 2010

    Habe zufällig auch die beiden Aufführungen gesehen. Trotz wirklich beeindruckender Leistung der Darsteller ist das definitiv mein letzter Moliére. Ich finde ihn einfach – egal wie inszeniert – unerträglich langweilig.

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