Wieder einmal Kulturtipps – diesmal aus der weißblauen Freistaat-Hauptstadt… Capa-kaum empfiehlt den Besuch der Oktoberfest-Metropole natürlich abseits des „Wies’n“-Wahnsinns, denn München hat in Sachen Kultur gerade in diesem Sommer und Herbst Einiges zu bieten.

Da wäre an erster Stelle – wie sich’s gehört – das Residenztheater, das große Staatstheater, in dem  Martin Kusej noch eine Theatersaison lang residiert, ehe er (letztlich mit vielen Jahren Verspätung) die Intendanz am Wiener Burgtheater übernimmt. Er hat am „Resi“ Bemerkenswertes inszeniert –etwa die eigenwillige Interpretation von Ibsens Hedda Gabler mit Birgit Minichmayr und Norman Hacker. Und er hat Besonderes ermöglicht: Wie im aktuellen Spielplan Ulrich Rasches Technikspektakel Die Räuber, was Capa-kaum Theaterinteressierten besonders ans Herz legen will. Die mehrfach ausgezeichnete Inszenierung zeigt Schillers Sturm-und-Drang-Frühwerk als Mensch-Maschinen-Musik-Theater – und man sollte es nicht glauben: Die eindrucksvolle Form erschlägt nicht den Inhalt, sondern ganz im Gegenteil. Die Menschen gehen fortwährend auf zwei gewaltigen Laufbändern und bewegen sich doch nicht von der Stelle. Franz Moor ist mit der großartigen Katja Bürkle besetzt, womit Rasche zu Schillers Kernthemen Freiheit, Rationalismus gegenüber Idealismus und Aufbruch in neues Denken noch das Thema der Stellung der Frau in einer Männerwelt anspielt.

Was manchen Theatertraditionalisten vielleicht abschrecken könnte, hat jedoch nicht nur beim bayerischen Publikum Ovationen ausgelöst. Capa-kaum kann empfehlen, allein deshalb nach München zu kommen (denn wegen der aufwändigen Bühnentechnik konnte die Inszenierung trotz Einladung nicht beim Berliner Theatertreffen und auch sonst nicht als Gastspiel gezeigt werden) – und das obwohl die knapp dreieinhalb Stunden durch ihren Impact und die Ziselierung der Monologe anstrengend sind. Am 24. und 25. Juli gibt’s die nächsten Vorstellungen und dann wieder im Herbst.

Unter den weiteren derzeit sehenswerten Inszenierungen des Residenztheaters, wie Don Karlos und Der Volksfeind, sticht vor allem der sensationelle Faust mit Bibiana Beglau als Mephisto (wieder am 20. Und 21. Juli) heraus.

Erst in der kommenden Saison wird Steven Scharf als Judas in den Münchner Kammerspielen wieder zu sehen sein. Eine Stunde dauert die szenische Auflösung des Textes von Lot Vekemans, eine Stunde, die den Zuseher bis zur Schmerzgrenze fesselt. Judas, der Mann, dessen Name für Verrat steht, spricht über sich, will seine Tat nicht entschuldigen oder verteidigen, sondern das Publikum „zu dem Judas in sich selbst“ führen, wie es begleitend heißt. Mit dem Regisseur Johan Simons hat Scharf einen Gewaltakt erarbeitet: Er kauert, hängt, klettert hoch oben auf einer Leiter völlig nackt, mit dem Rücken zum Publikum, das nur die Balkonsitze füllt. Nur alle paar Monate kann Steven Scharf diese körperliche und textliche Tortur auf sich nehmen.

Wer nicht so lang warten möchte (obwohl sich’s auszahlt) und noch im Juli nach München hüpfen will, dem kann die Ausstellung Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst (in der Kunsthalle) empfohlen werden. Sie läuft noch bis 29. Juli (täglich von 10 bis 20 Uhr) und beleuchtet in mehr als 150 Exponaten das Drama aus der Sicht von Künstlern verschiedener Epochen und Genres: Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Filme und Fotografien, unter anderem von Max Beckmann, Anselm Kiefer, Martin Scorsese, Charles Gounod, Karl Lagerfeld, Eugéne Delacroix und Sigmar Polke. Hervorragend die thematische Gliederung, die einerseits die handelnden Personen beleuchtet und andererseits die Schlüsselszenen des Werkes. Eine ungewöhnliche Sicht auf den Faust.

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