Rückschritt? Fortschritt? 12-Stunden-Tag, 60-Stunden-Woche… Capa-kaum bietet „aus gegebenem Anlass“ einen Überblick über Stellenwert und Organisation der Arbeit im Laufe der Zeit.

Beginnen wir mit der Gesellschaft der Antike. Im Griechenland vor 2.500 Jahren wurde die Lohnarbeit und ganz allgemein die mühevolle handwerkliche Arbeit verachtet – auch wenn sie Tätigkeiten umfasste, die zum Erhalt und Überleben der Gesellschaft notwendig war wie die Produktionsarbeit, die von Bauern, Taglöhnern und Sklaven verrichtet wurde. Dagegen standen Geschäftstreibende und Künstler in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz oben – und der wirklich „freie Bürger“ arbeitete nicht, sondern bildete sich und betätigte sich politisch. Für Lebensunterhalt und Infrastruktur sorgten die anderen, vor allem die Sklaven. Laut den Forschungen des deutschen Sozialhistorikers Werner Conze wurde gleichzeitig Wirtschaftstreiben, das auf Gewinn ausgerichtet war, negativ beurteilt.

Im antiken Rom lockerte sich diese rigide Form der Arbeitsverachtung zum Teil, vor allem das Handwerk erlebte eine gesellschaftliche Aufwertung. Dennoch blieb der Oberschicht das „otium“ (die Muße) als höchstes Gut der Intellektualität erhalten und bediente man sich fürs „normale Leben“ der Sklaven.

Durch das Vordringen der katholischen Lehre erfolgte im frühen Mittelalter eine Wende. Der Dienst an Gott verwandelte die einstige Verachtung der Last körperlicher Arbeit in eine segensreiche Tugend im Sinne des göttlichen Auftrags: „Ora et labora“ („Bete und arbeite“) hieß es fortan. Treiber der neuen christlichen Arbeitsethik waren die Mönche in den Klöstern, die ihre Wirtschaft mithilfe der Bauern in eine effektive Form brachten. Nur scholastische Philosophen wie etwa Thomas von Aquin knüpften an die Gedanken der Antike an und stellten Kontemplation über das Tätigsein: Wenn Muße mit Gottesdienst verbunden war, war es keine Sünde, sich der mühevollen Arbeit zu entziehen.

Die zunehmende Urbanisierung und damit die Herausbildung eines bürgerlichen, in Zünften organisierten Handwerks, brachte ab dem 13. Jahrhundert dem Berufsstand des Handwerkers eine deutliche Aufwertung. Parallel dazu kam es zu einer Kommerzialisierung der Gesellschaft. Die handwerkliche Spezialisierung führte nicht nur zu höherer Qualität der Produkte, sondern damit verbunden auch zur Notwendigkeit besserer Ausbildung. Immer stärker polarisierte sich die Gesellschaft: Tätiges Schaffen, auch wenn es mühevoll war, erhielt im Laufe der Zeit einen hohen Stellenwert. Demgegenüber standen jene Teile der Gesellschaft, die nicht (körperlich) arbeiteten: Adel, Geistlichkeit, aber auch Arme, die von Almosen lebten.

Die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts hatte dann ihre direkte Auswirkung auf die Bedeutung der Arbeit in der Gesellschaft: Arbeit und Technik erschienen nunmehr als Voraussetzungen, um sich die Natur unterordnen zu können. Die Tugenden des Lebens hießen mehr denn je, ganz im Sinn der christlichen Lehre, Fleiß und Arbeitsamkeit.

Im 18. Jahrhundert mit seiner philosophischen Basis in der Aufklärung kam es schließlich zu einer entscheidenden Neubetrachtung des Wertes der Arbeit. Arbeit wurde nun als „produktive Leistung“ betrachtet, als „Produktionsfaktor“. Damals formulierte der deutsche Nationalökonom Johann August Schlettwein, dass Arbeitstätigkeiten „der menschlichen Gesellschaft ihre Glückseligkeit zubereiten“. Und Adam Smith bezeichnete zur gleichen Zeit die Arbeit „als eigentliche Quelle des Reichtums“, denn sie liege aller Wertschöpfung zugrunde. Diese Ökonomisierung der Arbeit wurde begleitet von der zunehmenden Industrialisierung und Mechanisierung der Arbeitswelt, aber auch der liberalen Weltanschauung, die die Freiheit des Einzelnen losgelöst von der sozialen Verantwortung ansah. Die Folge: Es gab bald keine Grenzen mehr für die Ausbeutung der Arbeitskräfte. Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte beispielsweise in den niederösterreichischen Textilfabriken der Arbeitstag von vier Uhr morgens bis acht Uhr abends – mit drei einstündigen Pausen… Die sozialen Spannungen wuchsen.

Auf dem Nährboden dieser Entwicklung formulierten Friedrich Hegel und Karl Marx ihre Theorien. Hegels Grundsätze – nach denen zwar Arbeit die Verwirklichung des Menschen ermögliche, dies aber durch Knechtschaft verhindert werde – wurden von Marx weitergeführt: Ihm ging es um die Aufhebung der Entfremdung der Arbeit in der Industriegesellschaft durch die Vergesellschaftung von Industrie und Technik, also die Realisierung einer „freien, sozialistischen Gesellschaft“.

Die seit dem 19. Jahrhundert nun bestehende Arbeitsgesellschaft ist jedenfalls gekennzeichnet „durch die Glorifizierung von Arbeit und Beruf als Quelle von Status und Einkommen“ (Andrea Komlosy).

Nach allen Weiterentwicklungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts – etwa der Einführung von Kranken-und Unfallversicherung für die Arbeitenden – stehen wir nun mitten in der entscheidenden Veränderung im Verständnis der Arbeit und deren Organisation. Durch die zunehmende Digitalisierung und die Verlagerung industrieller Produktionen vor allem nach Asien, wurde das bis ins 4. Quartal des 20. Jahrhunderts bestehende einigermaßen stabile System aufgebrochen.

Capa-kaum nennt dazu nur einige Schlagworte: Deregulierung arbeitsrechtlicher Grundlagen, der schwindende Einfluss der Gewerkschaften, die steigende Unsicherheit um den Arbeitsplatz durch Rationalisierung und Auslagerung, der Schwenk von der Versorgungsorientierung der Wirtschaft zum unbedingten Wachstumsziel als höchstes Prinzip, die Auflösung der Lohnarbeit von der sozialen Absicherung der Arbeitenden, die Rückkehr zu nationalistischen und ökonomischen Regelungen des 19. Jahrhunderts – sie alle definieren den Stellenwert der Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Angesichts solcher Entwicklungen ist die Bedeutung der „Freizeitgesellschaft“ mit ihrer auf vielen Wegen gebotenen Unterhaltung ein entscheidender Faktor, der das Ausmaß der Veränderung der „Arbeitsgesellschaft“ für den Großteil der Menschen nicht sichtbar macht.

4 Kommentare zu “Aus gegebenem Anlass: Zum Thema Arbeit”

  • Capa-kaum 17. Juni 2018

    Vielen Dank allen LeserInnen meines Blogs, die mich auf einen sinnstörenden Schreibfehler aufmerksam gemacht haben. Es freut mich, wie genau gelesen wird!

  • wibek 17. Juni 2018

    muss doch wieder mal was posten, denn für mich ist die entwicklung furchterregend. wir fallen zurück ins sklavenzeitalter. menschen als produktionsressource!!

  • Ronmay 17. Juni 2018

    Man sollte nicht alles zu dramatisch nehmen. Immer gibt es Veränderungen und die Menschheit stellt sich drauf ein

  • Tollhaus 16. Juni 2018

    Als gelernter Österreicher wundere ich mich gerade, was da bei uns geschieht. Danke Capa-kaum, denn deine Zusammenstellung zeigt so deutlich, wohin sich Österreich mit den neuen Regelungen bewegt. Und dass die Regierung ihren Rückschritt ausgerechnet während der Fußball-WM verkündet, sagt eh alles. Mit der Freiwilligkeit der Arbeitnehmer wirds nicht weit her sein.

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