Es gibt Entwicklungen, die mögen zwar manche Menschen bedauern oder gar kritisieren, aber: Man kann sie eben nicht einfach rückgängig machen oder verhindern. Was haben unsere Altvorderen nicht gewettert gegen die Dampfeisenbahn (ob ihrer Gesundheitsgefährdung wegen der erreichten Geschwindigkeit) oder tun es heute noch einige aus der Zeit Gefallene, die Internet und Smartphones als schädliche Monster unserer Gesellschaft verteufeln.

Mag sein, meint Capa-kaum, dass alles Neue auch unangenehme oder negative Begleiterscheinungen mit sich zieht. Entscheidend ist nur, wie man als vernunftbegabtes Individuum oder als intelligente Gesellschaft damit umgeht. Ein Schlüssel dazu ist die Beschäftigung mit dem ach so kritisierten Thema oder schlichtweg die Beobachtung der Umstände. Oder, weniger allgemein formuliert: Was man daraus macht. Zwei Beispiele, um es noch konkreter zu fassen.

Beispiel 1: Internet und Smartphones haben unser individuelles Leben und damit unsere Gesellschaft in viel größerem Ausmaß bereits verändert als Viele es wahrhaben wollen. Tempo und Erreichbarkeit haben sich im Vergleich zu (nur) vor einem Vierteljahrhundert in einem Ausmaß erhöht, das unser Verhalten in Beruf und Freizeit mehr prägt als man glaubt. Früher – also bis in die 1970er-Jahre – war im Geschäftsverkehr der Brief das entscheidende Medium, um Verträge oder Abmachungen zu fixieren. Nach der kurzlebigen Fax-Ära hat sich die E-Mail-Kommunikation so schnell durchgesetzt, dass sie heute oft genügt, um rechtsverbindliche Vereinbarungen zu treffen. Und das dank Smartphones unabhängig von Zeit und Raum, wo man sich gerade befindet.

Ja, ja, da werden Manche einwenden, dass die Internet-Entwicklung auch die sozialen Medien gebracht habe, dass ein amerikanischer Präsident seine Meinung per Twitter kundtut und sich Jugendliche (wie nun eine Statistik zeigt) täglich bis zu zwei Stunden – und damit doppelt so lange wie noch vor 10 Jahren – in den Bildschirm und/oder das Smartphone sieht. Und überhaupt Facebook und Instagram – Teufelsmedien, die zu meiden sind. Übrigens gerade von Jenen, die das alles kritisieren, überhaupt nicht aktiv wahrgenommen werden, weil sie das ablehnen und daher gar nicht „drin“ sind und die Mechanismen nicht kennen. Anmerkung: Capa-kaum hat etwas dagegen, über Dinge zu urteilen, die man aus Nicht-Kenntnis beurteilen will und bloß „auf Verdacht“ und über Meinung Dritter kritisiert.

Aber Eines gibt auch Capa-kaum zu: Dass nämlich die Entwicklung unserer elektronisierten Welt zu einer Verschärfung der Kurzatmigkeit unserer Gesellschaft geführt hat. Und das nicht nur, was das erwähnte Briefeschreiben und-empfangen betrifft, bei dem früher jedenfalls ein Zeitsprung von mindestens zwei oder drei Tagen gegeben war. Heute rechnet man bei E-Mail schlechtesten falls in Stunden, bei WhatsApp in Minuten, bis die Rückmeldung einzutreffen hat. Diese Tempoerhöhung hat in vielen Lebensbereichen drastische Auswirkungen….

Beispiel 2: Was Managerverträge und Fußballerverträge miteinander zu tun haben. Das Denken der Eigentümerunternehmer war (und ist) auf Langfristigkeit, zumindest auf mittelfristigen Erfolg ausgerichtet. Jenes der von Aktionären/Gesellschaftern bestellten Topmanager orientiert sich an Quartalszahlen und schnellen Bilanzerfolgen. Denn seine drei, maximal fünf Jahre Vertragslaufzeit müssen perfekt genützt werden, um durch die Zahlen sein Können zu beweisen, damit sein Gehalt zu rechtfertigen und zusätzlich seine Provisionen, Boni etc. zu erhalten. Ob es fürs Unternehmen in einer Perspektive von (nur) fünf, zehn Jahren gut ist, steht in der Prioritätenliste nicht oben. Oder gleich einmal sich bloß als „Manager auf Zeit“ bestellen zu lassen – ganz einfach nur für ein Projekt, wie das zunehmend gefragt ist (für ein Projekt zum Tagessatz von meist 1,0 bis 1,5 Prozent des Jahres-Brutto-Zieleinkommens eines vergleichbaren fest angestellten Managers).

Und da bringt Capa-kaum die Fußballklubs als Spiegel unserer Business-Gesellschaft ins Spiel. Früher ging es darum, eine gute Mannschaft beisammen zu halten und mit ihr Erfolge zu verwirklichen. Heute sind Spieler – mögen sie noch so gut im Team sein – Handelsware, die oft schon nach einer Saison, in der sie auf sich aufmerksam gemacht haben, verkauft werden, weil es für den Klub um den Gewinn aus dem Transfer geht. Kurzfrist-Denken ist angesagt, um Finanzerfolg zu lukrieren, überhaupt bei den Klubs, die nicht ganz zu den Top 10 des Weltfußballs gehören. In Kürze wird das bei der sommerlichen Transferzeit wieder gut zu beobachten sein. Ein Nachteil jedenfalls für Trainer, Mitspieler und Fußballfans, die mit dieser Kurzatmigkeit des Fußballgeschäfts leben.

Gut – solche Vergleiche können wieder Einigen ein wenig zu originell, zu weit hergeholt erscheinen. Aber da muss Capa-kaum entgegenhalten: Ihm geht es – seit (gestern) nunmehr exakt acht Jahren – immer doch nur um Eines: Auf welchem Weg auch immer das Weiterdenken anzuregen.

Übrigens: Wer Interesse hat, kann hier den allerersten Blogbeitrag anklicken:

http://www.capakaum.com/2010/05/mut_zum_denken/

Und ein Link zum Thema:

http://www.capakaum.com/2015/12/atemlos-durch-die-zeit/

6 Kommentare zu “Kurzatmig zum Nachteil”

  • Till a 3. Mai 2018

    Wichtige rechtsverbindliche Vereinbarungen trifft man trotzdem besser nicht über elektronische Wege. Die Wege können – bewusst oder unbewusst – gestört werden, und nicht jeder der an Vereinbarungen Beteiligten muss das auch wissen oder mitbekommen! (z.B. gibt es man-in-the-middle-Angriffe auf elektronische Kommunikationswege zwischen bestimmten oder auch nur zufällig gestörten Kommunikationspartnern… ) Wem verbindliche Vertragsabschlüsse in wichtigen Dingen wirklich ernst sind, der wird also in dem Fall nicht den elektronischen Weg wählen. Das Erleichternde an den neuen kommunikativen Möglichkeiten ist doch, dass wir mit ihnen erneut MEHR Verfahrenswege zur Auswahl haben als vor der digitalen Revolutionierung der Telefonie z.B.! Wir haben dadurch erneut ein MEHR an Möglichkeiten, uns distanzierter oder verbindlicher zu zeigen. Mehr oder weniger höflicher und angemessener dem Kommunikationsthema gegenüber. Wir können daher eigentlich besser zeigen als früher, welches Thema mit speziell welchem Kommunikations-Partner uns besonders viel emotional und intellektuell wert ist. Und das ist doch wunderbar! – Es weiß nur nicht jeder… Aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, das endlich allgemein zu begreifen. Seit ich das Gefühl habe, dass es sich so verhält, fühle ich mich schon erheblich besser und angenommener von der Welt als noch vor einigen Jahren. Manchmal stecke ich meinen Kopf übermütig ganz aus der Tonne und blinzle herauf zu den Wolken und freue mich über das neue Gefühl… Herzlichen Glückwunsch, Capa-kaum – kurzatmig bis Du jedenfalls nicht geworden, trotz des elektronischen Stresses – und das wünsch ich Dir auch weiterhin: einen schönen ruhigen, tiefen, langen Atem!

  • Capa-kaum 2. Mai 2018

    @Renate : Die Hoffnung ist tatsächlich, dass sich Leben in einem ständigen Auf und Ab, schneller und langsamer, tja und auch aktiv und passiv abspielt. Die Fragen sind nur: Wie lange hält die Fähigkeit des Menschen sich zu adaptieren an, wohin führt die Entwicklung noch, lassen sich bestimmte Trends überhaupt stoppen und wie lange dauert es, bis die Gegenbewegung kommt. Reicht dazu das uns noch zur Verfügung stehende Zeitfenster?

  • Renate Skoff 2. Mai 2018

    Das mit der Kurzatmigkeit wird nicht ewig so weitergehen. Das hält ja kein Mensch aus. Auf jede Bewegung folgt eine Gegenbewegung. Und diese Gegenbewegung wird nicht ausbleiben – hoffentlich.

  • Capa-kaum 2. Mai 2018

    @hubert: Danke, und ja, ich kenne Etliche mit den gleichen Erfahrungen. Und: Es sind natürlich nicht immer nur die Personen, die ihre Boni sichern wollen, manchmal sind es schlicht auch die Vorgaben, die „aus den lichten Höhen“ kommen…

  • hubert Kastner 2. Mai 2018

    Ich kann aus eigener Erfahrung, außer Fussball , alle Punkte nur bestätigen!
    Gratulation zu den ACHT Jahren.
    Grüsse aus Salzburg !

  • Aquarius 2. Mai 2018

    Das ganze Leben funktioniert doch zu allen Zeiten so: Wo ich mitspielen will, muss ich erst mal die Spielregeln beherrschen. Und mitspielen wollen wir doch alle.

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