Es ist ja immer so eine Sache mit den Romanvorlagen, die für Theaterinszenierungen herhalten sollen. Seit Jahren schon haben Theaterleiter und Regisseure aus Mangel an wirklich guten und zumindest brauchbaren Bühnenvorlagen ihren Blick auf Romane oder sogar Novellen gerichtet, die sie bühnenfit machen wollen. Das gelingt manchmal, oft aber auch nicht. Weshalb das scheitert ist der Grund für Capa-kaums Ursachenforschung, angestellt anhand der jüngsten Premiere am Wiener Theater in der Josefstadt.

Gegeben wird dort seit 12. April Madame Bovary, eigentlich ein fast Klassiker-Roman von Gustave Flaubert, geschrieben Mitte des 19. Jahrhunderts und unter erheblichem Getöse unter die Leute gebracht. Die öffentliche Erregung fußte auf dem für damalige Zeiten brachialen Inhalt, durch den die Seitensprung- und Selbstverwirklichungsmanie der Protagonistin verherrlicht wird – wie kritisiert wurde. Nicht zu vergessen: Das ist 160 Jahre her.

Und jetzt also Madame Bovary auf der Bühne der üblicherweise nicht nur mit herausragendem Ensemble, sondern auch mit beachtenswerten Inszenierungen aufwartenden „Josefstadt“. Für die Bühne hergerichtet von Anna Bergmann, einer Regisseurin, die sich gerade hier schon mit dem Frauenbild, ausgehend von Stoffen aus anderer Zeit, sehr eindrucksvoll auseinandergesetzt hat – etwa mit Strindbergs Fräulein Julie.

Aber jetzt dieses veritable Scheitern. Bergmann hat es nicht geschafft, die Essenz der Vorlage bühnengerecht herauszuarbeiten. Schon die wichtige frühe Zeit der Emma Bovary geht in einem unsäglichen, aus dem Nirgendwo kommenden Erzählschwall unter, begleitet in einer klassischen Text-Bild-Schere mit Slow-Motion-Bewegungen der Darsteller und dem erbaulichen Klavierspiel der Maria Köstlinger – der „Haupt-Emma“. Da tritt die nächste Schwäche zutage: Köstlinger wird begleitet von vier weiteren „Emmas“, deren Präsenz kaum wirklich konturiert erscheint. Wozu fünf „Emmas“ frägt man sich, wenn sie zugleich, hintereinander, nebeneinander und überhaupt da sind.

Und da ist Capa-kaum beim Aktionismus gelandet, der die ganze Inszenierung begleitet. Einerseits verlässt der Abend den Erzählmodus, mit dem er eingeleitet wurde, nie ganz, andererseits versucht die Regie mit plumpem Aktionismus zu überdecken, dass es nicht gelungen ist, aus einer Romanvorlage ein ordentliches Bühnenstück zu zimmern. Kulissenwände öffnen sich unvermittelt (auch in Form eines Bügelbretts), „Emmas“ kriechen oder klettern heraus, ein Garten wird rausgeschoben (man frägt sich wozu, er hat nichts mit dem Text zu tun), ein Bett schwebt vom Schnürboden herab, eine Bauchredner-Puppe tritt auf (liegt ja im Trend), die Drehbühne ist stellenweise Hauptdarsteller und Emmas Lover umkreist die Geliebte auf einem Hoverboard (toll, wie Meo Wulf das Gerät beherrscht). Ja und sogar eine Schwarze Madonna hängt eine Zeitlang im Raum, während das Ehepaar Bovary in der Seitenloge sitzt.

Also: Hier wird viel geboten, aber leider nicht das Wesentliche und schon gar nicht der Versuch, der Frau Bovary Leben einzuhauchen in ihrem Widerstreit zwischen Sinnlichkeit und Härte, zwischen Wünschen und Betrug, zwischen Selbstbetrug und Scheitern.

Der Lichtblick sind die schauspielerischen Leistungen – aber das hat man von Frank Castorfs Stücke-Zermerscherungen auch oft sagen müssen. Der frühere Volksbühnen-Chef hat aber wenigstens immer Intellektualität und diskutable Bühnenideen eingebracht, was man bei der Josefstädter Madame Bovary schmerzlich vermisst.

Apropos Castorf: Sein Nachfolger an der Berliner Volksbühne, Chris Dercon, ist – wie erwartet – nach nur wenigen Monaten katastrophal gescheitert und verlässt das Haus vorzeitig. Der Weg ist dort nun frei, wieder interessantes Theater zu machen und nicht bloß Aktionismus wie zuletzt – der tut einem respektablen Theater nicht gut.

Madame Bovary (Gustave Flaubert, Bühnenfassung von Anna Bergmann und Marcel Luxinger). Theater in der Josefstadt, Wien. Regie: Anna Bergmann. Mit: Maria Köstlinger, Roman Schmelzer, Christian Nickel, Siegfried Walther, Meo Wulf sowie Therese Lohner, Bea Brocks, Silvia Meisterle, Ulli Fessl und Suse Wächter.

1 Kommentar zu “Chronik eines veritablen Scheiterns”

  • Rita Uhlig 14. April 2018

    Der Witz ist: so eine Über-Besetzung einer EmmaJuliairgendwasmita-hinten hat man eigentlich nur einem Mann zugetraut bisher. Eine Frau, die in Personalunion bügeltwäschtangemessenintelligentplaudertgärtnerteinkauftflirtetundseitenspringt schien mir bisher immer nur für Männer unaushaltbar zu sein als Realität – Offenbar ist sie es aber für Frauen auch. Kann aber auch sein, dass Regisseurinnen mehr von Demokratie beim Theatermachen halten und deshalb jeden, der Emma sein will, wenn Emma angesetzt ist, auch die Emma spielen lassen nach Spezial-Gusto – Das sieht dann nur aus wie Aktionismus vielleicht, ist aber in Wirklichkeit menschenfeindliche Persönlichkeitsbeschränkung als Utpoie von Figuren, die erfunden wruden von sehr veritablen AutorInnen… eine Art theatraler Gebärneid oder zwanghafter Schwanzvergleich auf /mit DichterInnen…

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