Das Markenzeichen „Kunststadt“ verwenden viele Städte allzu gern, um ihren Tourismusambitionen einen intellektuellen Kick zu geben. Von Mühlheim an der Ruhr bis Tulln, von Bilbao bis Mänttä, von Silkeborg bis Soest reicht die Palette jener Orte, die sich mit dieser Bezeichnung schmücken – ganz abgesehen von „Klassikern“ wie Salzburg, Basel, Ravenna, Gent oder Dresden. In diesen Monaten lässt sich aber feststellen: Die „Kunststadt“ 2018 ist zweifellos Wien. Und schlägt damit die renommierte Großkonkurrenz Berlin, Paris, Madrid oder London.

Weshalb das so ist, kann Capa-kaum einfach erklären: Selten gibt es an einem Ort in so geballter Ladung höchst sehenswerte Ausstellungen wie derzeit bis zum Sommer in Wien, zum Teil mit Exponaten, die noch nie oder zumindest nicht in dieser Zusammenschau gezeigt worden sind.

Berlin setzt in diesem Jahr vorwiegend auf Foto-Ausstellungen und die publikumswirksame Präsentation von technisch anspruchsvollen Video-Verarbeitungen von Kunstwerken. Paris stellt niederländische Maler, die zeitweise in Paris lebten, aus, beherbergt bis Anfang März noch das MoMA und zeigt ab Herbst Renoir und Picasso im Musée d’Orsay. London bietet noch bis Mai Impressionisten in der Tate Gallery und etliche Design- und Mode-Ausstellungen. In Madrid hebt der Prado Rubens als Skizzenzeichner hervor und ist im Caixa-Forum eine Warhol-Retrospektive zu sehen.

Dagegen aber Wien.

Da ist vor allem seit Mitte Februar im Leopold-Museum eine Sensation der Kunstwelt zu sehen: Erstmals hat die Milliardärin Heidi Goëss-Horten in einer umfassenden Schau ihre geheimnisumwitterte Privatsammlung geöffnet. Für die Ausstellung „Wow! Die Heidi Horten Collection“ hat Kuratorin Agnes Husslein-Arco gemeinsam mit ihr 170 Exponate ausgewählt, die einen phänomenalen Überblick über die Entwicklung der Kunst im 20. Jahrhundert geben. Die Künstler, deren Werke die am Wörthersee lebende Mäzenin gesammelt hat, repräsentieren das „Who is Who“ der Kunstszene und der künstlerischen Strömungen des vergangenen Jahrhunderts: Picasso, Baselitz, Rothko, Kirchner, Richter, Nolde, Munch, Schiele, Warhol, Chagall, Miró, Klimt, Bacon, Matisse, Rodin, Hirst, Dubuffet, Klee, Lichtenstein… Sensationell ist übrigens auch der 550 Seiten umfassende Ausstellungskatalog – weit mehr als ein Handbuch: Ein Lexikon zu den Künstlern und deren Werken mit aufwändigen Reproduktionen aller Bilder.

Sehenswert auch die Man Ray-Ausstellung im Kunstforum. Durch eine Vielzahl klug ausgesuchter Leihgaben großer Museen entsteht in 200 Exponaten ein guter Überblick über das vielfältige Schaffen des amerikanischen Künstlers, der einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine Fotografien und die dort angewandten speziellen Techniken bekannt ist. Dass Man Ray auch Interessantes in Malerei, Zeichnungen und Objektkunst zu bieten hatte und dass seine verschiedenen Stil- und Arbeitsmittel auch sehr viel mit seinen Lebenssituationen zu tun hatten, wird in der Ausstellung sehr deutlich.

Nur kurz will Capa-kaum noch auf zwei weitere in diesen Wochen in der „Kunststadt“ Wien laufende spektakuläre Ausstellungen hinweisen:

Bruno Gironcoli – In der Arbeit schüchtern bleiben“ – eine große Retrospektive über den Maler und Zeichner im Museum moderner Kunst mumok (bis 27. Mai 2018).

Günter Brus – Die Unruhe nach dem Sturm“ – eine Übersicht in 600 Einzelobjekten über Schaffen des wichtigsten Performance- und Aktionismuskünstlers Österreichs im Museum Belvedere 21 (bis 12. Juni 2018).

Dass daneben in der Wiener Albertina die unter dem Titel „Von Monet bis Picasso“ gezeigte Sammlung Batliner oder der im Kunsthistorischen Museum über der Eingangshalle durch die Annäherung mit der eben wieder installierten Brücke bis 2. September aus der Nähe zu betrachtende großartige Bilderzyklus von Gustav Klimt ebenfalls Kunst-Highlights sind, soll an dieser Stelle nur noch als thematischer Schlusspunkt erwähnt werden.

Wow! Die Heidi Horten Collection. Ausstellung im Wiener Leopold-Museum. Bis 29. Juli 2018. Tägl. (außer Dienstag) 10 bis 18 Uhr (Donnerstag bis 21 Uhr).

Man Ray. Ausstellung im Kunstforum Wien. Bis 24. Juni 2018. Tägl. 10 bis 19 Uhr (Freitag bis 21 Uhr).

2 Kommentare zu “Kunststadt 2018: Wien”

  • Renate Skoff 19. Februar 2018

    Danke, Capa-kaum, für diesen tollen Überblick über die Ausstellungsszene in Wien. Drei Ausstellungen (Wow! Die Heidi Horten Collection, Man Ray und Bruno Gironcoli) hatte ich schon auf dem Radar 😉

  • Paul 19. Februar 2018

    Danke!

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