Will man einen tiefen Blick in die österreichische Seele tun, so stößt der Psychologie-Affine gleich einmal auf den Wissenschaftsgranden Erwin Ringel. Er hat uns vor gut drei Jahrzehnten mit seinem richtungsweisenden Werk über eben dieses Innenleben der Österreicher die Augen geöffnet, weshalb wie Manches in der rotweißroten Alpenrepublik so läuft wie es läuft. Capa-kaum wagt aber nun einen großen Sprung vom Psycho-Guru zu Peter Turrini, den geliebt-gehassten österreichischen Autor, dessen jüngstes Werk Fremdenzimmer seit der Uraufführung Ende Januar im Theater in der Josefstadt frenetischen Jubel erzeugt.

Turrinis Theaterstück schafft es, in 90 Minuten die Tradition hochkarätiger österreichischer Muster der Seelenbeschau nicht nur fortzusetzen, sondern deren Elemente aufzugreifen und – vor allem – zu aktualisieren. Weit spannt sich der in der Aufführung gut erkennbare Bogen früherer Seelen-Nabelschauen: Da sind Anklänge an den legendären Herr Karl, in dem 1961 die Nazi-Zeit aufgearbeitet erschien; da erinnert man sich an die Travnicek-Dialoge der 1950er-Jahre, die mit ihrem Blick auf die Wiener Mentalität in die Kabarettgeschichte eingegangen sind; und es tauchen Dialoge auf, die in ihrer beißenden Ironie von Thomas Bernhard, dem provokanten Analytiker des österreichischen Spießertums, geschrieben sein könnten. Es ist eine brisante, trotz köstlich Kabarett-hafter Passagen bitterböse Analyse der österreichischen –  man könnte auch einschränken: Wiener – Befindlichkeit in der Gegenwart, im Umgang mit Flüchtlingen, im Ausleben von Vorurteilen gegenüber Ausländern, in der Sprachlosigkeit alt gewordener Ehepaare.

Natürlich lebt die Inszenierung vom Können der Protagonisten Erwin Steinhauer und Ulli Maier, aber auch des fast nur schweigenden syrischen Flüchtlings, der plötzlich die kleine, in scheinbarem Frieden erstarrte Welt des Paares durcheinanderbringt. Aber abgesehen davon ist es der Inhalt, der zum Nachdenken anregt – vordergründig in vielen Dialogen und Monologen, zugleich hintergründig, wenn Manches im Raum der kahlen Bühne unausgesprochen bleibt. Mit einem Wort: Ein großartig-schauriges Stück über die Seele von Frau und Herrn Österreicher im Jahr 2018.

Fremdenzimmer (Peter Turrini). Theater in der Josefstadt, Wien. Regie: Herbert Föttinger. Mit: Erwin Steinhauer, Ulli Maier, Tamim Fattal.

1 Kommentar zu “In die österreichische Seele”

  • aquarius 8. Februar 2018

    es hat mich traurig gemacht, die Einsamkeit und Hilflosigkeit des kleinen Mannes. Grandios und sehr berührend von Erwin Steinhauer dargestellt

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