…zeigen immer wieder, dass selbst die angeblich aufgeklärte Gesellschaft vor Dogmatismus und Totalitarismus nicht gefeit ist. Und wenn wir uns umsehen, merken wir, dass in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ethische Grundsätze, abgesehen von Sonntagsreden, in der Realität keine Priorität mehr haben.

Unser kulturelles und gesellschaftliches Selbstverständnis sieht sich schon seit Jahren von vielen Seiten in Frage gestellt: Islamisten, die Religion mit Terrorismus und Kriminalität verbinden, Verletzung der Menschenrechte nicht nur in der Dritten Welt, wirtschaftliche und soziale Krisen in immer größerem Ausmaß, totalitäre Bestrebungen durch demokratisch gewählte Politiker auch mitten in Europa.

Zu dieser Wirklichkeit der Gegenwart gehören ebenso lange schon Soldatenkinder in Afrika und Massenvergewaltigungen von Frauen, aber auch politisch indirekt gerechtfertigte Anarchie als pseudodemokratischer Zustand etwa in Afghanistan, im Kongo, in Libyen oder in Somalia. Außerdem das immer lauter werdende Kriegsgetrommel im Nahen Osten, die zunehmend unverfrorenen Aktionen der Türkei in Nordsyrien oder das vom „besten Präsidenten aller Zeiten“ hochgespielte Konfliktpotenzial der USA mit Nordkorea, Russland und dem Iran.

Dazu – und das, meint Capa-kaum, ist das Grundübel der Gegenwart – Politiker, die zu schwach oder mit anderen Dingen des Lebens zu sehr beschäftigt sind, um diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten – Merkel, Macron, May, Juncker, Rajoy… Und je schwächer Politiker sind, desto stärker berufen sie sich auf die Legitimation durch das Wahlvolk. Schließlich Politiker, die ernsthaft glauben, die ihnen demokratisch gegebene Macht ermögliche ihnen alles. Und das betrifft nicht nur die Großen in den Schlagzeilen der Welt, die Trumps und Erdogans, sondern auch die Kleinen, im internationalen Konzert Unbedeutenden.

Also zum Beispiel in Österreich, wo die Koalitionsregierungschefs gegen alle Vernunft, gegen die Linie der EU und gegen mittlerweile Hunderttausende Unterschriften anders als fast alle europäischen Staaten, das Rauchen in der Gastronomie nicht beschränken wollen. Deren Begründung mag Nichtkennern der Verhältnisse skurril erscheinen: „Weil es einfach eine Koalitionsbedingung war.“ Heißt im Klartext: Abmachungen zwischen zwei Parteien nach der Wahl sind die Richtschnur und nicht die Vernunft, der Zeitgeist oder der Wunsch von Ärzten, Experten und Hunderttausenden Bürgern.

Genug der Beispiele. Mit einem Satz: Da stimmt schon Vieles nicht mehr zusammen. Kompromisse erscheinen als Zeichen der Schwäche, das Recht des Rechthaberischen ist zum Maß globalpolitischen Agierens geworden. Menschlichkeit, diese große einstige Forderung der aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft, ist in Zeiten der egomanen Gesellschaft vielerorts zu einer leeren Hülle geworden. Und die Vernunft regiert ohnehin nicht mehr mit.

Aber, da kommt Capa-kaum ein deprimierender – oder krauser? – Gedanke… Hat sie das je?

6 Kommentare zu “Geschichte und Gegenwart…”

  • Emilio 5. März 2018

    Die Analyse ist so wahr wie sie hoffnungslos ist oder zumindest scheint – Ihr, die Ihr hier eintretet (eingetreten seid!), lasst alle Hoffnung fahren!
    Allerdings hat Voltaire im Candide eine Antwort für Dante, solange es sich noch ums Diesseits handelt: pflege den eigenen Garten! – Nicht direkt eine Verstärkung für Wolfgang, aber ein Aufruf an uns alle, nicht zu sagen „is eh scho wurscht!“, sondern im eigenen Rahmen es „trotzdem“ zu versuchen, es richtig oder zumindest besser zu machen.

  • AusderTonnemitOhr..amHerztresor 1. März 2018

    „nur“. – Es gibt wohl einen Unterschied zwischen gesundem Egoismus und Egomanie. (an Wolfgang)

  • Wolfgang 1. März 2018

    Wenn jeder an sich selbst denkt, ist letztendlich auch an alle gedacht. Oder?

  • Renate Skoff 26. Februar 2018

    Ich fürchte, ich kann dir nicht widersprechen. Das Furchtbarste an deinen Feststellungen ist, dass sie langsam zur Normalität werden, oder zum Teil schon geworden sind. Die Menschen gewöhnen sich an Dinge, wenn sie „von oben“ nur lange genug wiederholt werden. Und je länger das dauert, desto geringer wird die Bereitschaft, Widerstand zu leisten und dagegen zu reden. Die vielen Unentwegten ausgenommen. An denen orientiere ich mich, denn es lohnt sich allemal, für Demokratie, Menschenrechte und ethische Grundsätze in allen Lebensbereichen zu kämpfen.

  • AusderTonnemitOhr..amHerztresor 26. Februar 2018

    Aus Sicht des Egomanen ist das nur Ansichselbstdenken bei allem, was zur Entscheidung ansteht, vernünftig… Aus Sicht des Mütterlichen, auf Lebens Erhalt gerichteten, ist es das nicht. Insofern hat die Vernunft schon immer im gleichen Maße mitregiert wie sie nicht mitregiert hat; hat einmal die eine, einmal die andere Sicht die Oberhand gewonnen – und so hat das Leben vielleicht den Sinn, das es auf eben diese Art gelebt wird?

  • Linda Wöss 26. Februar 2018

    Dazu fällt mir das Zitat von Martin Luther King ein:
    Wir brauchen Anführer, die nicht in Geld verliebt sind –
    sondern in Gerechtigkeit.
    Nicht in Ruhm verliebt sind –
    sondern in Menschlichkeit.
    ——————-
    Nur: Gibt es die überhaupt?

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