Plötzlich gibt es eine Diskussion über Online-Sportwetten – aber nur, weil sich Österreichs Wettverband dagegen wehrt, Sportwetten als Glücksspiel zu bezeichnen. Und weil auch der Staat an den allein in Österreich verbleibenden zuletzt fast 2 Milliarden Bruttospielerträgen (in Deutschland allein bei den sechs Größten der Branche: 8 Milliarden) der Glücksspiel- und Wettanbieter mitnaschen will. Capa-kaum hat sich deshalb angesehen, wie es in der Welt der virtuellen Wetten zugeht.

Es ist ein Bereich, das muss vorweg festgestellt werden, der ein recht eigenartiges Schlaglicht auf die Entwicklung unserer Gesellschaft liefert, denn es geht um die Auswüchse der Spielleidenschaft, die die virtuelle Welt ermöglicht. Halten wir uns nicht mit dem bekannten Faktum auf, dass unsere Gesellschaft mittlerweile zu einer Spiele-Gesellschaft geworden ist: Jede Menge Frage- und Ratesendungen im Fernsehen, die mehrmals pro Woche als Ereignisse hochstilisierten Lotto-Ziehungen und die 30 Milliarden Dollar, die jährlich weltweit allein für Spielekonsolen ausgegeben werden, sprechen eine deutliche Sprache. Im Windschatten dieser „konventionellen“ Spielangebote hat sich jedoch seit einiger Zeit ein neuer Markt etabliert, der zunehmend an Bedeutung gewinnt: Das virtuelle Wetten.

Auf den Pferderennplatz gehen und dort sein Geld beim Buchmacher setzen war gestern. Heute geht das ganz anders. Eine noch reale Variante ist zwar, auf Pferderennen, die irgendwo in der Welt stattfinden, übers Internet zu setzen. Europas größter Wettanbieter, Pari Mutuel Urbain (PMU), lässt deshalb mittlerweile in zehn Ländern – auch in Deutschland und Österreich – eigene Pferderenntage stattfinden und erreicht damit über sieben Millionen Wettkunden. Das französische Unternehmen erzielt damit über den eigenen Wettkanal jährlich mehr als 10 Milliarden Euro Umsatz. Und dass sich Internet-Wetten vor und während Fußballspielen gerade bei Männern unter 35 Jahren steigender Beliebtheit erfreuen, ist ebenso durch Studien erwiesen wie daraus resultierende Suchtgefahr, die mindestens jeden Zehnten betrifft.

Für die richtigen Spieler ist das jedoch zu wenig, denn die virtuelle Welt bietet viel mehr – das weite Feld der computergenerierten Spielmöglichkeiten. Die großen Internetanbieter haben sie im Angebot: Virtuelle Tennismatches, virtuelle Basketball- und Fußballspiele, virtuelle Pferde- und Hunderennen mit natürlich ebenso virtueller Videoübertragung. Nichts ist real, alles ist mithilfe cleverer Software geschaffen.

Wie heißt es in der Werbebotschaft eines Internetwettanbieters: „Erleben Sie Fußball, Tennis, Basketball, Hunderennen und Pferderennen mit authentischen Stärkeverhältnissen und realistischem, situativem Spielverhalten als hochwertige Video-Simulation. Die virtuellen Sportwetten bieten spannende Wettmöglichkeiten – 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag.“ So ist es, man muss nicht mehr auf Beginnzeiten warten, denn in manchen Wettportalen finden beispielsweise virtuelle Pferderennen im 3-Minuten-Takt statt – und das mit allen möglichen Spezialwetten, mit Livesimulation im Videostream und eigenem Kommentator.

Für Capa-kaum ist jedoch der Höhepunkt die virtuelle Internet-Fußballmeisterschaft Euro League mit 16 Teams aus verschiedenen europäischen Städten. Bei seinen Recherchen gelangte er gerade in die heiße Partie VFL Madrid gegen VFL Vienna, wobei die Wiener mit Fuchs im Tor und dem Stürmerduo Egger und Steiner spielten, allerdings wenig überraschend 0:2 verloren… Für Capa-kaum war die Begegnung (mit diesem virtuellen Fußballmatch) ohnedies unspannend, ist er doch von Wettlust so weit entfernt wie der virtuelle Tormann Fuchs von einem Engagement in der österreichischen Bundesliga.

An dieser Stelle muss außerdem die Beurteilung der Juristen des Verwaltungsgerichtshofs zu diesen virtuellen Glücksspielen wiedergegeben werden: Bei „normalen“ Sportwetten hänge die Entscheidung über das Spielergebnis nicht vorwiegend vom Zufall ab, weil die Wettenden die Stärke der beteiligten Mannschaften, der Sportler oder der Tiere einschätzen und dabei ihre Kenntnisse etwa über die Trainingsverfassung und den gesundheitlichen Zustand einbringen können. Bei einem virtuellen Rennen oder Spiel definiere hingegen eine Software, ein Zufallsgenerator die für das Spielergebnis entscheidenden Parameter, womit für die Wettenden die erfolgsrelevanten Faktoren nicht abschätzbar sind.

Schlussfolgerung: Wer sich mit der virtuellen Wettenwelt einlässt, hat in Wirklichkeit noch weniger Gewinnchancen als bei realen Sportwetten. Und weil’s so leicht und attraktiv gemacht wird, lässt sich noch schneller mehr Geld verlieren.

2 Kommentare zu “Die Welt der virtuellen Wetten”

  • Werwaswowarum 5. Januar 2018

    Auf der Straße und im Öffi denkt man ständig von Avataren umgeben zu sein. Bald werden wir alle uns nur noch virtuell bewegen 🙂

  • Heidrun Strasser 5. Januar 2018

    Ja eh, Plemplemisierung durch Gamification.
    That’s part of the game.
    Aktuelles Thema well performed, danke!

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