Fast ein Lehrstück über den Weg von der Wahrheit zur Story und zugleich Anschauungsmaterial zur Arbeitswelt der Gegenwart, über Alphatiere und den Hyperkarrierismus der ersten Generation der Digital Natives: Kein Wunder, dass es das sehr aktuelle Theaterstück Gloria des amerikanischen Autors Branden Jacobs-Jenkins ins Pulitzer-Preis-Finale der drei besten Dramen geschafft hat.

Nun hatte die deutsche Erstaufführung im Münchner Residenztheater Premiere – und sie vermittelt sehr eindringlich das, was die Jury des Pulitzer-Preises in ihrer Begründung der Nominierung angemerkt hatte: „Ein Stück von Witz und Ironie, das das Publikum geschickt von der Satire zum Thriller und wieder zurück transportiert.“

Es ist ein Stück, das auch im gegenwärtigen Geschlechter-Medien-Hype seinen Platz als Nachdenk-Anstoß hat. Denn es geht um Fakten, Fake News und Selbstdarstellung. Wie vertraut – angesichts der gegenwärtigen „#MeToo“-Diskussion, in der die Grenzen von beweisbaren Fakten und öffentlicher Anschuldigung verwischt werden, in der sexuelle Belästigung durch Worte gleichgesetzt wird mit Vergewaltigung und das Problem des Machtmissbrauchs gleichgesetzt wird mit dem prinzipiellen Umgang zwischen den Geschlechtern. Wo ganz selbstverständlich die Grundregel „in dubio pro reo“ durch die Medien und die Meinungsträger verletzt wird – dieses „im Zweifel für den Beschuldigten“ medial nicht mehr gilt.

In Gloria kämpfen die Mitarbeiter einer Kulturredaktion um ihren Aufstieg und gegeneinander, betreiben Mobbing, Intrige, Manipulation und Selbstverwirklichung. Bis zum dramatischen Ende. In drei Stufen wird der Weg des tatsächlich Geschehenen zur Medienstory gezeichnet. Wie sagt der Fake News-Controller im Stück: „Wichtig ist die Story, nicht der Wahrheitsgehalt.“ Siehe der jüngst gezeigte deutsche TV-Thriller über den NSU-„Selbstmord“, der eine „wirkliche Lösung“ in einer Fiktion bietet – und das während eines laufenden Verfahrens.

Denn die Emotion entscheidet den Erfolg der späteren TV-Story über den Amoklauf in der Redaktion – die Denke des Programmchefs: „Was? Gloria war eigentlich normal, hat nur durchgedreht? Nein, das geht nicht, sie muss ja gestört gewesen sein.“ Derjenige, der direkter Zeuge des Geschehens war, ist für die Storymacher uninteressant. Das Drehbuch für die TV-Serie schreibt Jene, die nichts gesehen hat und niemanden wirklich kennt. Die Wahrheit wird zur Fiktion. Und: Wie nützen die Menschen das Geschehene für sich…

Es hat Capa-kaum nicht überrascht, dass die Kulturkritiker wenig Freude mit dem Stück haben. Denn natürlich gibt es hier keinen wirklichen Einblick in die Redaktionsarbeit – es wird eigentlich nicht gearbeitet, sondern miteinander geredet, nein: meist gegeneinander geredet. Konflikte brechen auf. Natürlich überzeichnet der Autor, fallen Sätze, die man in verkaufsorientierten Medien nicht gerne hört. Und natürlich hat die Inszenierung einige Längen – wie es oft bei Erstaufführungen der Fall ist.

Aber Gloria zeigt einige wunde Punkte unserer Gesellschaft auf – und das ist gut so.

Gloria (Branden Jacobs-Jenkins). Residenztheater, München. Regie: Amélie Niermeyer. Mit: Gunther Eckes, Cynthia Micas, Marina Blanke, Lilith Häßle, Christian Erdt, Bijan Zamani.

1 Kommentar zu “Wahrheit wird Fiktion”

  • Linda Wöss 8. November 2017

    Dieses Zitat von Ingeborg Bachmann beschreibt für mich Wahrheit am besten:
    „Und die Wahrheit, von der er Aufhebens machte, erschien wie
    eine alte solide Kommode mit vielen Schubladen, die knarrten, wenn man sie herauszog, aber in denen dann auch alle ableitbaren kleineren Wahrheiten, schneeweiß, brauchbar, sauber und handlich dalagen.“

Kommentar senden

Jeder Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschalten.
Nähere Hinweise dazu im Urheberrechtshinweis.

Zum Weiterdenken

Aus den Erfahrungen unserer Vergangenheit schöpfen wir unsere Klugheit für die Gestaltung unserer Gegenwart und unsere Weisheit für unsere Vorhaben in der Zukunft.

  • rss
  • rss
  • rss
  • rss
Info-Mail

Capa-kaum sendet Ihnen seine Info-Mails, wenn Sie hier Ihre E-Mail-Adresse eingeben.