Theater soll zum Denken anregen, die Gesellschaft abbilden, Kritik üben, soll unterhalten, das allzu Menschliche unter die Lupe nehmen, den Zeitgeist reflektieren, Menschen in ihren Zuständen zeigen und Möglichkeiten aufzeigen. Heere Anliegen, die in Ausbildungsstätten und in der Basisliteratur immer wieder in den Vordergrund gestellt werden. Nur selten aber in vollendeter Form dem Publikum präsentiert werden. Eine glanzvolle Ausnahme ist die jüngste Inszenierung von Arthur Schnitzlers Professor Bernhardi am Wiener Theater in der Josefstadt.

Innerhalb von drei Stunden breitet sich hier das gesamte Universum menschlichen Agierens auf der Bühne aus und werden Jedem, der nur ein kleines Stück weiterdenken will, eine Reihe von Fragen gestellt. Wo liegt die Grenze zwischen Selbstgerechtigkeit und Geringschätzung? Wie nah können guter Wille und Machtanspruch beieinanderliegen? Wie schnell werden Menschlichkeit und Ehrlichkeit zugunsten der Möglichkeit und der Karriere geopfert?

Der jüdische Klinikchef, der eigentlich nur der todgeweihten Patientin eine schöne letzte Zeit ermöglichen will und deshalb die letzte Ölung verweigert, spielt durch seinen Konflikt mit dem katholischen Pfarrer seinem deutsch-nationalen Vizedirektor in die Hände, der – es ist die Zeit dafür – durch Intrige und Brutalität im Agieren selbst an die Spitze gelangt. Menschliche Schwächen und Fehler, Chancen und Chancenlosigkeit, politische Mechanismen – in dieser Inszenierung erlebt man, wie zeitlos zeitnah Schnitzlers Professor Bernhardi ist.

Regisseur Janusz Kica schafft es mit einem großartig agierenden Ensemble, den Spagat zwischen Vergangenheit (Schnitzlers Stück wurde 1912 uraufgeführt) und Gegenwart erfolgreich zu bewältigen. In der Bühnenumgebung von heute ist heutiger Sprech angesagt – ein Sprachduktus, wie wir ihn gewohnt sind. Knappe, schnelle Dialoge, aggressive Konfrontationen. Keine Rede von Schnitzler’scher Betulichkeit und doch hätt‘ Schnitzler sicherlich seine Freud‘ damit, wie geradezu schmerzhaft aktuell sein Stück durch diese Inszenierung wirkt.

Dazu die Persönlichkeiten: Ziseliert mit all ihren Schwächen. Kein Wunder, hat doch Theaterchef Herbert Föttinger selbst die Hand mit im Spiel – als Titelfigur. Und so versammelt sich rund um ihn das Feinste der Schauspieler des Theaters in der Josefstadt. Und, ja: Sie spielen so intensiv, wie es nur geht. Glaubwürdig, spannend, abgrundtief.

Ein Theatererlebnis, das Capa-kaum Jedem, und nicht nur eingeschworenen Theatergehern, besonders empfehlen kann – mit Ausnahme vielleicht Chef- und Oberärzten oder auch Quereinsteiger-Politikern, die ihren Alltag nicht auch noch auf der Bühne wiedergespiegelt sehen wollen.

Professor Bernhardi (Arthur Schnitzler). Theater in der Josefstadt, Wien. Regie: Janusz Kica. U.a. mit: Herbert Föttinger, Florian Teichtmeister, Bernhard Schir, Michael König, Matthias Franz Stein, Michael Dangl, André Pohl.

2 Kommentare zu “Im Universum des menschlichen Agierens”

  • Wiener 26. November 2017

    Schnitzler wird oft quasi als „Wiener Monarchie-Boulevardschreiber“ abgetan und daher so unzeitgemäß inszeniert.Obwohl z.B. Das weite Land oder auch seine Novelle Fräulein Else heute genauso Aktualität haben. Erfreulich, dass das Wiener Theater, das in den letzten Jahrzehnten so viele Schnitzlers (Reigen, Liebelei, Anatol) z.T. traditionell gespielt hat, so eine Inszenierung zeigt. Die Josefstadt kann eben Schnitzler.

  • aquarius 26. November 2017

    Besser kann man Professor Bernhardi nicht sehen. Und in dieser Inszenierung wird uns gezeigt, dass wir unsere Umlaufbahn nicht verlassen können. Was wäre, wenn …

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