Nicht nur die Wahlkämpfe der jüngsten Zeit, sondern nicht zuletzt das, was die Orbans, Trumps oder Erdogans dieser Welt – gerade auch in den letzten Tagen – von sich geben, sollte uns zu denken geben: Was früher einer bestimmten Spezies von besonders marktschreierischen Boulevardmedien oder populistisch extremen Randfiguren der Politik vorbehalten war, ist tatsächlich in der Mitte unserer medial bestimmten Gesellschaft angekommen. Und wird weidlich von vielen Nachahmern, Spaßvögeln und selbst ernannten Verschwörungstheoretikern genützt – dank der immer breiteren Möglichkeit, persönliche Meinungen und damit auch Fake News – oder wie man beschönigend sagt: Alternative Fakten – anonym ganz einfach über Social Networks in die Welt zu setzen.

Zugegeben: Fake News – also einfach falsche Nachrichten, die vorspiegeln, sie wären echt – hat es natürlich schon früher gegeben. Sie waren seit der Antike ein gefährliches Instrument der Propaganda in Politik und Wirtschaft. Bestes Beispiel der jüngeren Geschichte: Als es 1870 Preußens Reichskanzler Otto von Bismarck mithilfe der berühmten „Emser Depesche“ und ihrer Falschinformation gelang, Frankreich zum Krieg anzustacheln. Heutzutage erscheint dieses Mittel legitimiert durch den clever gefundenen und so harmlos daherkommenden Begriff „alternative Fakten“.

Wozu sich mit realen Fakten herumschlagen, wenn es Alternativen gibt – die nur leider keine Entsprechung in der Wirklichkeit haben wie beispielsweise jenes „Massaker von Bowling Green“, das vor einigen Monaten von der damaligen Beraterin des amerikanischen Präsidenten als Beispiel für die Gefährdung durch arabische Terroristen genannt wurde – jedoch nie stattgefunden hat.

Aber, wen wundert’s, dass solches möglich ist. Leben wir doch im „postfaktischen Zeitalter“, wie das honorige Kollegium der Oxford Dictionaries im Vorjahr als Begründung für die Wahl des Wortes des Jahres, eben „postfaktisch“, angab. Dieser Begriff beschreibe nämlich „wie kein anderer die gegenwärtigen Strömungen in unserer Gesellschaft“: Dass es nämlich in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Und da ist der Weg zu alternativen Fakten eben nicht weit. Und über Facebook und Twitter lässt sich mithilfe von Fake News bewusst Stimmung machen. Die Wahlkämpfe dieses Jahres haben’s gezeigt.

Was sich zeigt und besonders besorgniserregend ist: Dass in unserer „postfaktischen Gesellschaft“ immer mehr Menschen bereit sind, reale Fakten zu ignorieren und an deren Stelle sogar Lügen akzeptieren, wenn sie nur schön gefärbt und gefühlsstark aufbereitet sind. Obwohl es doch angesichts der vielen Kommunikationsmittel heute leichter als früher wäre, Fälschungen zu enttarnen.

Capa-kaum meint, dass da Jeder für sich eine Aufgabe aufgebürdet bekommen hat: Noch mehr als bisher Informationen, die über die Medien, von Zeitungen bis Facebook oder Twitter, hereinströmen, zu prüfen. Gewiss: Eine Herausforderung an den Willen und den Intellekt. Für Denkende unerlässlich.

6 Kommentare zu “Die Herausforderung der Fake News”

  • aquarius 26. Oktober 2017

    Ich bin einfach neugierig auf Geschichten und deren Hintergründe. Was passiert ist und wie es dazu kam hat viele Zutaten. Geld, Macht, Soziales und Psychologie. Alle, die darüber berichten, tun dies aus ihrer Perspektive und unter Berücksichtigung der eigenen Interessen. Die Suche nach der Wahrheit wird niemals zu 100 Prozent belohnt, aber jeder erreichte Prozentpunkte lohnt die Zeit des Lesens, Schauen und Hörens.

  • AusderTonnemitBlick...aufdenemoji-Tick 25. Oktober 2017

    @aquiarius: Das ist interessant, was Du sagst – mich würde weiter interessieren: hat sich bei Dir (oder bei Ihnen, entschuldigung, bei interessanten Fragen geh ich vielleicht zu leichtfertig zu einem Arbeits-Du über…) bereits eine bevorzugte Möglichkeit unter den gegebenen herausgebildet? Wenn ja, was denkst Du, wieso gerade diese? Wie vermittelt man allgemein das Spektrum der Möglichkeiten am sinnvollsten, damit es einen souveräneren Umgang damit für den Einzelnen gibt, als das im Moment der Fall scheint?

  • ernst 25. Oktober 2017

    Wer zu bequem oder zu dumm ist zu denken,muss vieles oder sogar alles glauben.

  • aquarius 24. Oktober 2017

    Ich fürchte, wir werden uns die Zeit nehmen müssen. Viele unterschiedliche Darstellungen in vielen unterschiedlichen Medien führen uns vielleicht in die Nähe der Wahrheit. War immer so, nur heute haben wir mehr Möglichkeiten an unserem Standpunkt zu arbeiten.

  • Capa-kaum 24. Oktober 2017

    @Aus der Tonne…: Natürlich steht unsere Gesellschaft vor einem besonderen Wahrnehmungsproblem – denn die Global-Network-Möglichkeiten führen zu einer zunehmenden Fragmentierung unseres Wahrnehmungsverhaltens – da ist es einfacher, sich im eigenen Verständnisfeld zu bewegen und nicht andere Impulse verarbeiten zu müssen, was ja eine intellektuelle Anstrengung ist. Das Wechselspiel zwischen akzeptierten Meinungen und „Emotionalisierung“ schaukelt sich so immer weiter auf. Die Spirale dreht sich, wenn wir – genau! – die uns gegebenen Möglichkeiten nicht richtig für uns einsetzen.

  • AusderTonnemitBlick...aufdenemoji-Tick 24. Oktober 2017

    Ja, lieber Capa-Kaum, da sprichst du einem ja wieder einmal kurz und präzise aus dem – pardon: Herzen?…
    Ich denke, es geht aber für Denkende genauso dringlich darum, Wege der e f f iz i e n t e n Schnell-Prüfung zu finden. Und zwar aus Selbsterhaltungsgründen. Wenn er das nicht tut, hat er bei den Fakenews-Strömen auf allen Kanälen sonst keine Zeit mehr zum Denken – und für Denkende ist das tödlich.

    Was auch in jedem Fall zu denken geben müsste, wenn es ist, wie Du sagst- ich denke, es ist in der Tat so: wenn die Lüge gegenüber der Wahrheit bevorzugt wird als Preis der Wahrnehmung eigenen Fühlens… Die Emotion – gleich welcher Art – ist den Menschen offenbar inzwischen mehr wert geworden, als das Gefühl, das gespürte, beliebige Fühlen mehr wert als das erkannte, rekapitulierte, sich selbst bewusste Fühlen, das Gefühl für das Gefühlte… Wir können keinen Ausweg aus der Situation finden, wenn wir nicht dieses traurige Bedürfnis als neues allgemein menschliches anerkennen, das jedermann betrifft, auch natürlich Regierende. Auch für diese hat die Digitale Revolution die Welt grundlegend verändert. Und deshalb ist es wichtiger als jemals zuvor, zwischen Empfindung/Fühlen und wahrgenommenem/bewussten Empfinden/Gefühl zu unterscheiden.
    Dabei kann es im Moment sehr helfen, wenn wir uns auf die jeweils eigene Sprache besinnen und nicht kritiklos gegen Bedeutungen uns auf zum Beispiel das Englische verlassen, wenn es in englischsprachigen Wissenschaften um „emotions“ oder „feelings“ geht, die eher das Umgekehrte als „Emotionen“ und „Gefühle“ im Deutschen bedeuten… da gibt es sehr viel zu denken und bedauerlicherweise sind die Kognitivforscher immer auf der Seite der zu verbessernden Technik und nicht auf der Seite der fühlenden Menschen, denen ihre Gefühle schneller abhanden kommen, als sie sie noch benennen können unter dem Stress der technischen Neuerungen…

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