Es ist offensichtlich: Wir leben in einer Zeit, in der „das Gemeinsame“ schlechte Karten hat. Denn: Je größer der gesellschaftliche und wirtschaftliche Druck, desto größer der Rückzug ins Ego.

In immer stärkerem Ausmaß wirken sich die Anforderungen und Mechanismen unseres Lebens aus. Wir sind eine „Ellbogen-Gesellschaft“ geworden. Das Ich vor dem Du, der Anspruch des Eigenen vor dem Sozialen. Wer nicht vor dem Anderen da ist, und wenn auch mit unrechten Mitteln, hat eben verloren. Das gesellschaftliche Umfeld tut ein Übriges. Denn die Polarisierung unserer Gesellschaft lässt die Spannungen wachsen. Die Kluft gegenüber Randgruppen und Minderheiten, zwischen Reich und Arm wird größer. Da bleibt das Miteinander auf der Strecke.

Wozu Empathie leben, soziales Verständnis zeigen?

Jene Generation, die sich mit ego-orientierter Härte durchzusetzen hat, wenn es um die Lehrstelle oder den Studienplatz geht, wenn es darum geht, überhaupt einen Arbeitsplatz zu bekommen, muss dieses Zusammenspiel von Ego und Ellbogen leben, um nicht rausgespült zu werden. Ist es da verwunderlich, dass der Anteil der Singles unter den 25- bis 35jährigen steigt? Das Sich-selbst-organisieren, Nur-für-sich-verantwortlich-sein und Tun-und-lassen-können, was man selbst will, ist die Freiheit. Das Zusammenleben zwischen Partnern, Freunden, Nachbarn, Kollegen scheint schwierig. Unsere Gesellschaft wird unduldsamer.

Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa hat diagnostiziert, dass diese Entwicklung zu einer umfassenden Störung im Weltverhältnis der Menschen führt – zur Entfremdung. Es entsteht ein Zustand, erklärt Rosa, „in dem man das Gefühl hat, dass die Menschen, mit denen man umgeht, und die Dinge, mit denen man es zu tun hat, nicht mehr antworten, so dass man in einer stummen oder sogar feindlichen Welt nur noch kalt kooperiert.“

Lässt sich in solch einer Welt „Gemeinsamkeit“ leben, zurückgewinnen? Das gemeinsame Tun. Miteinander denken, handeln – leben. Zusammenstehen. Zusammenhalten. Einstehen für den Anderen. Also diese alten Werte…

Ja, doch. Initiativen stellen sich dem Trend entgegen. Es gibt Menschen, die das Gemeinsame, das Verbindende suchen. Wo keine Barrieren von Rang und Geld mehr gelten, gilt es oft nur noch, die Sprachbarrieren zu überwinden. Gut, dass es Unermüdliche gibt, die Gemeinsames wollen. Wie etwa jene, die ehrenamtlich helfen, die sich in sozial tätigen Gesellschaften engagieren. Sie sind heute so nötig wie schon lange nicht. Idealisten – vielleicht. Jedenfalls: Menschen, denen Menschlichkeit Teil des Menschseins bedeutet. Und ein Anstoß sind, über die eigene Rolle in unserer Gesellschaft nachzudenken.

2 Kommentare zu “Wo bleibt die Gemeinsamkeit?”

  • Lios 25. August 2017

    Gratuliere zum Büchertipp Traiskirchen. Habe das Buch schon kürzlich gelesen und finde es sehr wichtig. Guter Bericht wie es wirklich ist, ohne politische ideologische Manipulation. Passt auch zu deinem Blog.

  • Heike Diehl 25. August 2017

    Wie recht dein Bericht hat. Du sprichst mir aus der Seele. Täglich wird man im Alltag damit konfrontiert! Meine Anwort würde zu lange dauern. Aber vielen Dank und ich hoffe, dass viele Menschen deinen Bericht lesen!!!!

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