Eine Milliardenbranche hofft auf die Schlagkraft weiterer Russland-Sanktionen und mit ihr Mafiaclans in Indien, Marokko und Indonesien, die mit Sand-Schmuggel Unsummen verdienen und dabei die Umwelt zerstören. Aber der Reihe nach. Capa-kaum hat sich das weltweite Sand-Business, das so gern im Verborgenen werkt, genauer angesehen. Nicht nur, weil doch soeben für die Beachvolleyball-WM zweieinhalb Tausend Tonnen Sand in ganz spezieller Qualität auf der Wiener Donauinsel aufgeschüttet wurden, aber… das ist doch nur ein Klacks und wird der Bedeutung dieses Rohstoffs und seinen Problemen nicht gerecht. Denn während immer wieder von den endlichen Ressourcen des Erdöls oder vom Kampf ums Trinkwasser berichtet wird, bleibt das Thema Sand fast unbeachtet. Dabei ist Sand weltweit eigentlich der wichtigste Rohstoff, mit dem sich viel Geld verdienen lässt.

Ein paar Fakten vorweg. Das weltweite Handelsvolumen von Sand beträgt pro Jahr 70 Milliarden Dollar. Weltweit werden jährlich 15 Milliarden Tonnen Sand abgebaut, denn er ist unerlässlich für viele Bereiche unserer Gesellschaft: Beim Straßen- und Hausbau ebenso wie in Glas, Lebensmitteln, Kosmetika, Zahnpasta, Reifen oder Chips für Mikroprozessoren in Smartphones oder Computern, Putzmitteln, Kunststoffen und Gussformen. Seit rund 150 Jahren wird Sand mit Zement zu Beton vermischt. Ein elementarer Rohstoff also.

Zum Bau eines Hauses werden beispielsweise 200 Tonnen Sand benötigt, für einen Kilometer Autobahn 30.000 Tonnen. Daher ist der Pro-Kopf-Bedarf an Sand mehr als doppelt so hoch als jener an Erdöl, das so häufig in den Mittelpunkt von Wirtschaftsanalysen gestellt wird – zum Beispiel beträgt der Verbrauch in Deutschland pro Kopf und Jahr rund 2,8 Tonnen Sand, dagegen 1,3 Tonnen Erdöl. Absurd mutet es an, dass Wüstenstaaten wie Dubai für ihre Bauprojekte Sand aus Übersee, vor allem aus Australien, importieren. Aber die Körner von Wüstensand sind zu glatt. Dagegen eignet sich Meeressand viel besser für die Herstellung von Beton.

Spitzenreiter im Sand-Business ist China mit seiner boomenden Bauindustrie: Ein Viertel des Weltmarktes an Sand wird in China verbraucht. Dubai kann allerdings auch mit einer Rekordzahl aufwarten: Allein für die spektakuläre Palmeninsel wurden im Meer 150 Millionen Tonnen Sand aufgeschüttet.

Man möchte meinen, auf der Erde und im Meer gäbe es genug Sand. Das ist nicht der Fall. Der Raubbau von Sand ist gewaltig. Die Küsten Indiens und Marokkos werden extensiv abgegraben, vor Indonesien verschwinden ganze Inseln. Spanien saniert seine 3.500 Strände und Florida seine 800 Kilometer Strände laufend – dort wird alljährlich für teures Geld Sand von weit her in die Urlaubsorte geschafft und Sand vom Meeresboden abgesaugt und an den Stränden aufgeschüttet. Eine Sisyphusarbeit, denn  aufgeschüttete Strände erodieren bis zu zehnmal so schnell wie natürliche, warnen die Geologen.

Leider ist Sand kein erneuerbarer Rohstoff und deshalb haben sich mafiöse Strukturen entwickelt, die im illegalen Abbau und Schmuggel mit Sand das große Geschäft machen. Clans teilen sich den illegalen Markt vor allem in Indien, Indonesien oder Marokko (und haben dort bereits 50 Prozent des Sandes von den Stränden gestohlen).

Das wirklich große legale Geschäft machen die Sand-Konzerne mit Fracking. Denn bei dieser Technologie wird mit Sand und Chemikalien versetztes Wasser unter Hochdruck in die erdgasführenden Schichten gepresst, um Risse im Gestein zu erzeugen und das Gas freizusetzen. Der Aufschwung in den Jahren nach der Jahrtausendwende ist zuletzt allerdings etwas ins Stocken geraten, weil Fracking in Europa als Umweltgefährdend weitgehend abgelehnt wird. Jetzt aber bahnt sich die von den Sand-Konzernen herbeigesehnte Wende an: Der Konflikt um die Krim und die Sanktionspolitik gegenüber Russland könnte, so hofft die Sand-Industrie mit der Trump-Administration, dazu führen, dass die USA ihr Gas nach Europa exportieren, was die Gasproduktion durch Fracking steigern würde.

Da in den USA der Preis für eine Tonne Fracksand bei etwa 45 Dollar beträgt, lässt sich leicht ausrechnen, wie groß das Geschäft wäre, wenn bloß 100, 200 Millionen Tonnen Sand zusätzlich für mehr Fracking benötigt werden würde. Und dieses Geschäft haben die Sand-Produzenten sehr nötig. Das einzige börsennotierte Sand-Unternehmen U.S. Silica verzeichnet zwar von 2012 bis Juli 2017 beim Aktienkurs ein Plus von 180 Prozent, im letzten Halbjahr hat sich der Kurs jedoch auf rund 28 Dollar halbiert. Dennoch spielen die großen Player Sand-Monopoly – in Erwartung künftiger Gewinne: Pioneer Natural Resources kaufte kürzlich für knapp 300 Millionen Dollar das amerikanische Industriesandgeschäft des belgischen Bergwerkkonzerns Carmeuse und der französische Bau- und Glaskonzern Saint-Gobain besitzt seit einiger Zeit auch eine Fracking-Sand-Abteilung.

In Europa reichen derzeit die Preise vom billigen Schüttsand, der schon um ein paar Euro pro Tonne zu bekommen ist (meist wird er um 4 bis 5 Euro pro Tonne angeboten), bis zu den besseren Qualitäten  um 19 bis 24 Euro pro Tonne. Für spezielle Sande gehen die Preise auf 40 bis 60 Euro pro Tonne hinauf. Dazu kommen noch die Lieferpreise von meist 70 bis 80 Euro pro Lastwagen und Stunde. Daraus ist leicht erkennbar: Die Entfernung ist ein wesentlicher Kostenfaktor.

Übrigens: Der für die eingangs erwähnte Beachvolleyball-WM verwendete Sand muss von ganz besonderer Qualität sein. Der Sand darf nicht zu viel Kalk enthalten, damit er nicht klumpt. Er darf nicht zu grob aber auch nicht zu fein sein. Dieser vom internationalen Verband genehmigte Sand wird in Melk abgebaut, womit sich auch die Transportkosten in Grenzen halten.

Im Normalbetrieb der Vereine und öffentlichen Anlagen geht‘s hinsichtlich Qualität weniger streng zu. Dass aber auch in diesem kleinen Nebenaspekt mit Sand ein sehr gutes Geschäft gemacht werden kann, hat Capa-kaum bei seinen Recherchen festgestellt: Beachvolleyball-Sand wird etwa in Deutschland um 11 bis 15 Euro pro Tonne den Vereinen angeboten (für ein normales Beachvolleyballfeld sind etwa 200 Tonnen Sand nötig), plus Lieferkosten. Man kann eine Tonne Beachvolleyball-Sand auch bei Hornbach im Bigbag kaufen, dort zahlt man dafür stolze 93,90 Euro…

6 Kommentare zu “Gut auf Sand gebaut”

  • aquarius 4. August 2017

    Ich hätte sehr gerne eine Schottergrube. An der verdient man gleich mehrfach. Zuerst am Verkauf von Sand in jeder Qualität. Und dann bis an’s Ende meiner Tage an der Verpachtung von Badeparzellen. Das Geschäftsmodell ist genial. Mir fehlt halt nur das Startkapital

  • Capa-kaum 26. Juli 2017

    @AusderTonne: Ich werde mich bemühen etwas zu finden, was vielleicht erfreulicher ist…

  • AusderTonnemitBlick...ins Aus 26. Juli 2017

    Ein Fall für astrophysikalische Simulationsmodelle: Wenn da wo am wenigstens geeigneter Sand für Beach-Volleyball oder erholungskorrekter Strand-Sand vorhanden ist, am meisten Jahr für Jahr aufgeschüttet wird, die Erde schwerer wird als sie es ohne Aufschüttung wäre, neigt sich die Achse mehr als normal alle 26.700 Jahre und dann – hastalavista – bleibt vom Spiel und von Strand nur noch ein Ball im Aus. Frage: Wann und wohin fliegt der Ball dann ins Aus? Wieviel Sand muss verteilt werden auf welche Gebiete genau, um die Achsenverschiebung außer Norm zu verhindern? Hoffen wir, dass nicht herauskommt, Neufundland zum BeachVolleyball-Gebiet Nr. 1 der Welt erklären zu müssen und dass Frisco nicht bis ins Stadtinnere um 10 Meter höher gelegt werden muss als bisher… Lieber Capa-kaum – ich mag Deine Aufklärungen sehr – aber ich möchte bitte mal wieder eine Keine-Grusel-Geschichte von Dir lesen… es regnet doch so schon immer so viel grau

  • Joseph Gt. 26. Juli 2017

    unglaublich wie brutal die umwelt kaputt gemacht wird, und so unbeachtet wieso wird dieser raubbau nicht gestoppt?

  • thomas 26. Juli 2017

    Das zeigt wieder einmal, wie Politik und Wirtschaftsinteressen zusammenspielen! Die Amis wollen auch die Europäer in immer mehr Sanktionen und Regeln zwingen (TTIP), um ihre Produkte problemlos verkaufen zu können. Aber bei TTIP haben sich die Europäer schon gewehrt, jetzt darf sich die EU auch nicht vom Gas auf dem eigenen Kontinent abschneiden lassen!

  • Lilli Salander 26. Juli 2017

    Sehr interessant! Und um 93,90 möchte ich doch gleich meinen Kopf in den Edel-Sand stecken!

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