Ins Grüne

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Jun2017 13

Unsere Zeit, die so Vieles auch an Gutem bereithält, trägt zugleich einen Antrieb in sich, der scheinbar über das, was ausreichend wäre, hinauszwingt. Also auch: Immer weiter, immer höher, immer schwieriger, immer gefährlicher, immer ungewöhnlicher, immer absurder, immer gesünder (?). Und es gibt einen seit Jahren merkbaren Trend, der sich in Zeitschriften namens „Landlust“ (fast 5 Millionen Leser), „Naturlust“, „Gartenidee“, „Freude am Garten“, „Flora“ oder „Kraut&Rüben“ ebenso manifestiert wie in „Gartenkralle“-Zeitungskolumnen, Garten-Apps oder einer wachsenden Fülle von Büchern (und Experten) über Nutz-und Ziergehölze im Garten, auf Balkon und Terrasse, über Schädlingsbekämpfung, Strauchschnitt und Hochbeete. Weshalb Capa-kaum dies seinen LeserInnen kundtut? Nicht wegen des Themas „Hobby-Gärtnern“ an sich, sondern wegen des eingangs Dargelegten – und einer aus dem Füllhorn der Gartenmagazine.

Der Wunsch, eine eigene Pflanzenwelt, ein „Häuschen im Grünen“ als Gegensatz zum Stadtleben zu besitzen, ist nichts Neues. Sobald sich große Städte gebildet hatten, zog es die Städter zur Erholung stets hinaus ins Grüne. So entstand die Schrebergarten-Kultur unserer Breiten. Ihr Pendant hat sie in der Datscha-Kultur Russlands – entstanden vor ziemlich genau drei Jahrhunderten aus gnädigen Landgaben von Zar Peter dem Großen an seine Günstlinge. Diese Datscha-Kultur ist auch nach der Zarenzeit trotz Bolschewismus, Stalinismus und Sowjetherrschaft bis ins heutige Russland – mittlerweile nicht nur von der Oberschicht – gelebter Teil des russischen Lebensgefühls (mehr dazu im Buchtipp zur vergnüglichen und gesellschaftshistorisch interessanten Lektüre „Auf der Datscha“).

Zurück zu einer Zeitschrift für Wohnen und Garten, für die Garten- (und Balkon-)Gestaltung aber nicht mehr nur schön und vernünftig ist, sondern sich an der elementaren Frage orientiert: Bio oder vegan? Dass Pflanzen doch eigentlich ohnedies „bio“ sind oder sein sollten und weshalb sie das manchmal nicht sind, bleibt unerwähnt, stellte Capa-kaum fest. Aber vegan? Womit man ja – weil es von Tieren stammt – etwa auf Leder, Wolle oder mit Bienenwachs behandelte Hölzer verzichten muss. Irgendwie erwächst da bei Capa-kaum der Eindruck, dass (siehe oben) die Vorstellungen in unserer Gesellschaft manchmal schon deutlich vom Eigentlichen abweichen. Denn, bei aller Wertschätzung eines veganen Hardliners, die Frage: Wie hält’s du‘s denn eigentlich mit dem Gedanken, dass auch Pflanzen Lebewesen sind? Also etwa die Bäume, aus denen das Holz gewonnen wird, das für ein veganes Sitzmöbel verwendet werden darf, wenn es nicht mit Bienenwachs behandelt wurde…

Womit sich jedenfalls zeigt, wie weit sich die Gedanken vom Ursprünglichen des Wunsches „Hinaus ins Grüne“ in unserer ach so umweltbewussten Zeit entfernt haben. Denn eigentlich sollte es, wenn sich Jemand schon einen Schrebergarten oder gar ein kleines Grundstück fernab der Großstadt leisten kann, doch um etwas Anderes gehen als um die zwanghafte Erfüllung von Lebensgrundsätzen. Etwa ganz einfach um den erwähnten (und in dem vorgestellten Buch beschriebenen) „Datscha-Lebensstil“: Draußen im Grünen bloß die Freude an der Natur genießen, ohne Konventionen, alles „easy“ nehmen, nichts muss perfekt sein, fernab von Stadt, Normen und Regeln.

Das kann doch auch in unserer Zeit möglich sein.

6 Kommentare zu “Ins Grüne”

  • aquarius 15. Juni 2017

    Klar, das Geheimnis Leben ist in der Natur zu begreifen. Ob’s das Lebewesen Mensch schafft? Wäre schön für uns 🙂

  • Heidrun @AusderTonnemitBlick...aufdennatureschick 14. Juni 2017

    Ganz und gar d’accord.
    Leise Zweifel melde ich an, ob es tatsächlich zu einem nachhaltigen KOLLEKTIVEN Lernen kommt/kommen kann/kommen wird. Schaut man den Menschen zu, bewegt sich fast jeder in seinem Egotunnel, Scheuklappen tief heruntergezogen.
    Hoffen wir also, ich irre mich!

  • AusderTonnemitBlick...aufdennatureschick 14. Juni 2017

    Liebe Heidrun – uns wird vor allem einfallen müssen, wie uns mal nichts „Brauchbares“ für uns einfällt, was auf Kosten der Bevölkerung an anderen Orten geht… Uns wird einfallen müssen, wie wir deren kulturelles Anbauwissen und tradierte Anbau- und Förderungsweisen nicht rücksichtslos mit Patenten vereinnahmen und Abhängigkeiten schaffen, wo keine da waren. Uns wird einfallen müssen, dass es kein Patent auf Leben geben darf, dass andere in den Tod zwingt. Ins Verhungern, Verdursten, Verelenden… Uns wird einfallen müssen, nicht mit Kreuzfahrtschiffen auf Liebesreisen zu gehen, um uns eine romantische Stunde verschaffen zu können, bei der wir uns einem anderen Menschen einmal öffnen, weil wir das ohne Naturlicht-Romantik und ohne Natur-Kulisse nicht mehr draufhaben. All dieses Gardening hat schon einen Vorteil: Man lernt von den Pflanzen, was ihnen schadet und von den Schädlingen viel über Tiere und von den Tieren über Umweltzerstörung bis zur Selbstzerstörung. Selbst vom kleinsten Balkongarten lernt man das. Und zwar mit und ohne diverse Presserzeugnisse, ohne Fernseh-Tines und ohne lange Gebrauchsanleitungen – Man lernt in besonderer Weise, nämlich in jedem Jahr etwas und man WARTET sehnsüchtig darauf, es imm kommenden Jahr besser, wenigstens etwas, besser machen zu können . Man muss immer ein Jahr lang warten, um es endlich wieder etwas besser machen zu können – und das ist dann wirklich NACHHALTIGES Lernen.
    Ich fände es wirklich sehr schön, wenn Menschen hierzulande oder in Amerika oder beim Europäischen Patentamt in Brüssel zum Beispiel Afrika einmal als ihren geliehenen Balkon begreifen könnten… Da mir gerade niemand vor der Sonne steht, kann ich Dich in der Ferne sehen und grüße Dich freundlich

  • Heidrun Strasser 13. Juni 2017

    Urban gardening, guerilla gardening, Selbstversorgung auf Balkonien, vertical garden, Gemüsezüchtungen ganz ohne Erde auf Substrat, community gardens, Gemüsegarten zur Miete … die Möglichkeiten sind unendlich, bis zum Kräutergarten auf dem Fensterbrett. Bio, vegan, mit Schwermetallen, manchmal auch ohne – offenbar hat Mensch eine angeborene Sehnsucht nach Natur (solange sie schön zahm bleibt). Und Mensch kreiert und verfällt Moden, arbeitet sie ab und verwirft sie wieder. Wahrscheinlich kräht in ein paar Jahren kein Veganer mehr nach Seitanschnitzel. Solange Mensch Spaß dran hat (und auch eine Industrie belebt), soll er sprießen lassen. Und ein Waldspaziergang hat noch jedem gut getan.
    Anders das Thema Ernährung der Weltbevölkerung. Da wird uns bald Brauchbares einfallen müssen, denn gegen das, was da auf uns zurollt, waren die bisherigen Migrationsströme liebliche Bächlein.

  • Thomas 13. Juni 2017

    Klingt alles ziemlich gut, aber ist es nicht so, dass sich auch in Sachen Natur die Gesellschaft wieder teilt in die da Oben und die Unten ? Wer sichs leisten kann, gartelt, wer nicht zu den Glücklichen = Geldhabenden dem bleibt nur der Sonntagsausflug in den Wald. Und dann noch der Bio-Veganwahn. Super Gelegenheit für die Händler zum Abzocken, hohe Preise für die, die sichs leisten wollen angeblich gesünder zu leben.

  • AusderTonnemitBlick...aufdennatureschick 13. Juni 2017

    Lieber Capa-Kaum – die meisten Veganer werden sich wohl gar nicht erst diese vertiefenden Natur-Gedanken machen – vielleicht ist ihr Hunger zu groß um bis zum mit Bienenwachs behandelten Buchenholzmöbel zu kommen:)
    Trotzdem ist es gar nicht so einfach, die Freude an der Natur zu genießen, denn auch jenseits der Städte greift das Besitz-Prinzip der Verstädterung um sich. Und deshalb gibt es immer weniger frei zugängliche Seeufer, immer seltener die Möglichkeit „Über die Dörfer“ querfeldein zu wandern, die Hände über die Rainpflanzen gleiten zu lassen während man so vor sich hin garnichts sucht außer sich beim Nichtssuchen… Und so mancher Gartenbesitzer, der einen Datscha-Lebensstil noch pflegen kann und will wird nachbarschaftlich kürzerlautersaubererkeimfreier angefeindet, während er genießen will, weil um ihn die Kampf-Veganer den Rollrasen bevorzugen, der ihnen das größere und kleinere Getier vom Leibe hält… Trotzdem hat man nach Deinem Blog Leben irgendwie mehr Lust auf Garten bekommen als beim Anblick all der sich einem aufdrängenden LandGartentraumlust-Magazine.

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