Dass unsere Welt nicht so ist, wie wir sie sehen, hat Capa-kaum bereits immer wieder in Erinnerung gerufen. Dass sie überhaupt ganz anders sein kann, führt ein Maler vor, der seinen surrealen Zugang zur Wirklichkeit häufig mit intelligentem Humor und um die Ecke gedachter Darstellung auf den Betrachter wirken lässt: René Magritte, dem die Wiener Albertina gemeinsam mit der Tate Liverpool derzeit eine sehr informative Werkschau widmet. Rund 150 Arbeiten Magrittes mussten dazu aus amerikanischen und europäischen Museen, Galerien und Privatsammlungen zusammengetragen werden – denn die Albertina kam selbst erst durch die Sammlung Batliner in den Besitz eines einzigen Magritte-Gemäldes.
Man könnte daher meinen, es ist ein ungewöhnlicher Ausstellungsort für diese Retrospektive. Immerhin versuchen Museen ja für Sonderausstellungen im Regelfall auf ihren eigenen Beständen aufzubauen und hat das die Albertina in der Vergangenheit auch erfolgreich gemacht. Dank der Kooperation und etlicher Sponsoren, mit deren Hilfe zahlreiche Werke aus Privatbesitz gezeigt werden können, ist aber ein guter Überblick über das Schaffen des 1967 verstorbenen belgischen Surrealisten gelungen. Ein Schaffen, das Zeit seines Lebens das „Mysterium der Realität“, wie er es selbst bezeichnete, in den Mittelpunkt stellte. Alles ist anders als es scheint – dokumentiert durch sein hier gezeigtes berühmtes Bild einer Pfeife, unter das er schrieb „Das ist keine Pfeife“.
Was sagt Magritte dem Betrachter mit dem blauen Wolkenhimmel, der durch den Umriss einer Taube sichtbar ist („Der Kuss“, 1951), wieso pflanzt er immer wieder diese hervorstechenden Baluster in seine Bilder („Die Ankündigung“, 1930), weshalb fehlt der Kopf des Mannes („Der Pilger“, 1966) zwischen dem Rumpf und der Melone – jener in seinen Bildern wiederkehrenden Kopfbedeckung, die Magritte berühmt gemacht hat? „Ich wünsche mir Trugbilder“, erklärte Magritte einmal und lässt damit jeden vor seinen Bildern mit den Gedanken dazu allein.
Natürlich wurde er Ende der 1920er-Jahre durch seinen engen Kontakt im Pariser Kreis der Surrealisten um Salvador Dalí, André Breton, Max Ernst und Joan Miró beeinflusst, hat sich aber in seinen Bildideen zum Teil weit von diesen entfernt. Später hatte er, wie er zugab, für sich die Unmöglichkeit erkannt, das Mysterium der Wirklichkeit durch Gefühle zu beschreiben, und wandte sich deshalb einer realistischeren Ausdrucksweise zu.
Zugegeben: In der Werkschau fehlen einige der ganz spektakulären, berühmten Werke Magrittes. In der Zusammenstellung der Exponate und den pointierten Erklärungen zu den Bildern aber wird die interessante Persönlichkeit des Malers offenbar: Seine anarchische Grundtendenz, die aber mit den von ihm stets gepflegten korrekten Äußerlichkeiten kontrastierte. Und der Bilder schuf, die die Welt anders deuteten. „Ich fand in der Erscheinung der realen Welt“, sagte Magritte selbst, „dieselbe Abstraktion wie in meinen Gemälden.“
Ausstellung „Magritte“. Albertina, Wien. Bis 26. Februar 2012. Täglich 10 – 18 Uhr (Mittwoch bis 21 Uhr).


