Der Stieg Larsson-Thriller „Verblendung“ zeigt es einmal so deutlich wie selten zuvor: Das einstige Kreativ-Filmzentrum Hollywood ist zur Copy & Paste-Anstalt geworden. Man nehme einen erfolgreichen europäischen Film (Kino oder TV), schreibe ihn ein wenig um, vermische ihn mit Amerika-tauglichen Zusätzen, engagiere ein oder zwei Stars und setze ihn mit enormem Marketingaufwand in die Welt. So als hätte es den Vorgänger, auf dem der neue Film aufbaut, niemals gegeben.
Das Ganze funktioniert, weil sich die großen Filmverleihe fest in der Hand des amerikanischen Filmnetzwerkes befinden und mittlerweile über den Bau der eigenen Kinozentren völlig steuern können, welcher Film wann und im Saal welcher Größe gezeigt wird. Mainstream-Kino also, das vom Marketingaufwand vor sich hergeschoben wird. Den Rest nennen die Mainstreamer verächtlich Arthouse – was nichts anderes bedeutet als: Filmkunst gehört eben in kleine Häuser, nicht in die großen Multiplexe.
Natürlich kann man darüber jammern, dass exzellente europäische Kinofilme immer wieder über den amerikanischem Filmleisten geschert werden; kann kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass ein Remake bereits nach eineinhalb Jahren in die Kinos kommt (und nicht nach mindestens drei Jahren wie bisher); kann sich darüber wundern, dass für die US-„Verblendung“ die wunderbare Lisbeth Noomi Rapace durch eine andere Darstellerin ersetzt werden musste, oder dass Synchronisationen dem amerikanischen Kinopublikum angeblich nicht zumutbar sind. Wie auch immer – es ist so. Und der Einspielerfolg gibt den amerikanischen Produzenten Recht – zumindest was die Ergebnisse auf dem für sie maßgeblichen US-Markt betrifft: Das Stieg Larsson-Remake hat beispielsweise in den ersten beiden Wochen in den amerikanischen Kinos bereits 60 Millionen Dollar und damit zwei Drittel des Produktionsbudgets eingespielt. Und für Europa stellt man den hierorts beliebten James Bond Daniel Craig bei der Promotion für den Film in den Vordergrund, was jedenfalls für so viele Kinobesucher sorgen wird, dass Produzent und Verleih ihre Copy & Paste-Aktion als vollen Erfolg werten können.
Interessant erscheint Capa-kaum bei alledem jedoch die Frage: Weshalb zieht sich Hollywood auf diese durch Lizenzkauf legitimierte Abkupferung erfolgreicher europäischer Filme zurück? Noch bis in die 1980er-Jahre blickten Europas Filmemacher sehnsüchtig nach Kalifornien, sogen alle Ideen der Regisseure und Kameraleute begierig auf und versuchten sich in Europa-gerechten Adaptierungen – manchmal besser, oft schlechter.
Eine Antwort kann lauten: Mit dem Erwachen der deutschsprachigen Filmmache, dem kreativen Wettbewerb talentierter Regisseure von Wim Wenders bis Michael Haneke, dazu dem ambitionierten Geist und Geschick von Produzentenpersönlichkeiten wie Bernd Eichinger erhielt der europäische Kinofilm eine Schubkraft, die sich auch vor allem auf die französischen und skandinavischen Filmemacher auswirkte – abgesehen von vorhandenen Sonderklasse-Kreativköpfen anderer Länder wie Pedro Almodóvar.
Eine zweite Antwort liegt sicherlich in der Bereitstellung größerer finanzieller Mittel. Einerseits durch die Maßnahmen der EU: Die in den 1990er-Jahren in Gang gesetzte europäische Filmförderung hat hier durch die Bereitstellung entsprechender Finanzmittel natürlich Entscheidendes bewirkt. Andererseits auch durch das größere Engagement der Fernsehanstalten, die durch EU-geförderte Koproduktionen Filme ermöglichen, die Kinosäle füllen und für gute Quoten im TV-Programm sorgen.
Die dritte Antwort, meint Capa-kaum, ist eine politische und vielleicht die entscheidende. Kreativität benötigt stets ein Klima der Freiheit, des Ungezwungenen. Als die USA noch weit mehr als heute das „freie Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ waren, hatten es die Filmschaffenden, die Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten viel leichter, auch komplexe gesellschaftliche Themen auf die Kinoleinwände zu bringen. Mittlerweile haben sich die USA vom gesellschaftlichen Aufbruch verabschiedet. Heute ist das initiativen Einzelkämpfern wie Sean Penn oder George Clooney vorbehalten, die ihr erschauspielertes Geld in spannende und auch dem politischen Mainstream ungefällige Produktionen (wie zuletzt „The Ides of March – Tage des Verrats“ oder „Cheyenne“) stecken. Dank der Prominenz ihrer Initiatoren verkümmern solche Filme nicht in den Arthouse-Kinos, sondern werden marketingmäßig zumindest für zwei, drei Wochen für das Multiplex-Publikum angeschoben. So hat es etwa vor etwa sechs Jahren der Thriller „Syriana“ (mit George Clooney und Matt Damon) über Machenschaften im globalen Öl- und Waffenbusiness geschafft, fast das Doppelte seiner Produktionskosten von rund 50 Millionen Dollar einzuspielen, und das zu wesentlichem Teil außerhalb der USA. Denn dort war der Film nur bedingt breitentauglich, suggerierte doch schon der Titel einen geheimen machtpolitischen Anspruch: „Syriana“ ist ein Kunstwort für den amerikanischen Traum – dem Besitz eines Ölfördergebiets bestehend aus Syrien, dem Irak und dem Iran.
Für die so genannten „großen Hollywood-Filme“ bleiben, abgesehen von Remakes der europäischen Erfolgsfilme, jeweils recht eindimensional geklitterte und auf jeweils höchstens zwei bis drei Superstars (à la Matt Damon, Meryl Streep oder Tom Hanks) zugeschnittene Streifen, die immer einen nicht zu übersehenden Holzhammer in Richtung „American Way of Life“ plus „Political Correctness“ schwenken. Der Film muss drei, vier Wochen lang in den großen Kinos der USA mindestens zwei Drittel der Produktionskosten einspielen, den Rest zur Gewinnmarge besorgt das Verleihgeschäft in Europa und Asien.
Womit Capa-kaum wieder bei der „Cover-Version“ von Stieg Larssons „Verblendung“ angelangt ist: Wenn das Denkschema der Hollywood-Filmschaffenden durch äußere Zwänge (politisch rigides Umfeld) und innere Vorgaben (Minimierung der Kosten) eingeengt ist, dann funktioniert das Filmemachen mit Lizenzkauf, Copy & Paste problemloser und sicherer für Produzenten und Verleiher. Schon hat sich ein US-Produzent die Rechte für den gegenwärtigen Europa-Renner „Ziemlich beste Freunde“ gesichert. Und der Kinobesucher? Sollte sich viel genauer im TV-Programm umsehen, denn da finden sich, zuweilen gut verborgen, richtig gute Filme europäischer Provenienz.


