Was kann eine Inszenierung, die ein mehr als hundert Jahre altes Buch szenisch umgesetzt hat, dem europäisch-saturierten Theaterbürger von heute bieten? Die Antwort hat Regisseur Andreas Kriegenburg schon vor einiger Zeit gemeinsam mit seinem engagierten Ensemble des Berliner Deutschen Theaters gegeben – ein Blick auf ein Stück, das seit seiner Uraufführung vor knapp eineinhalb Jahren viel zu selten gespielt wird: „Herz der Finsternis“ eröffnet Einsichten in die Zustände einer Welt, die manche leichthin als vorgestrig abtun, die aber bei näherem Hinsehen so aktuell wie eh und je sind. Bloß, dass sich die Grundlagen verändert haben, die Auswirkungen sind gleich geblieben.
In Joseph Conrads Buch geht es um das Agieren der Kolonialmächte in Afrika, um die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen. Damals war es die Jagd nach dem wertvollen Elfenbein, die zu Raub, Mord und Versklavung geführt hat. Und die aus Europa eine Auslese von brutalen Glücksrittern, Freibeutern und gewissenlosen Verbrechern nach Afrika gespült hat. Heute geht es um Bodenschätze, um rare Mineralien, um die von der Elektronikindustrie immer mehr benötigen „seltenen Erden“ (siehe auch den Blog „Also doch“). Dazu werden nicht nur in Afrika Land und Leute ausgebeutet – diesmal allerdings weniger von Europäern, denn die globalen Kräfte der Wirtschaft haben sich im vergangenen Jahrhundert deutlich verschoben.
Nun kämpfen Amerikaner und Chinesen vor allem in Schwarzafrika gegeneinander um Boden, Bodenschätze, Einfluss und Macht. Diktatoren werden bestochen, grausame Bürgerkriege über verdeckte Kanäle mit Waffen und Geld unterstützt. Schreckliche Bilder von Kindersoldaten, Massenmorden und Brandschatzungen gehen um die Welt – während sich die amerikanischen und chinesischen Großunternehmen der Energie-und Bergbaubranche Stück für Stück des afrikanischen Landes sichern, in der Erwartung künftiger lukrativer Geschäfte. Was zählen Menschen, was zählt die Umwelt, was zählt die Erhaltung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung für jene, die auf schnellen Gewinn aus sind?
„Herz der Finsternis“ ist deshalb ein bedrückendes Dokument, das den Bogen aus der Vergangenheit der alten Kolonialzeit in die Gegenwart der aktuellen Kolonialzeit spannt. In einer Inszenierung, die keine Fragen offen lässt, die das Publikum in Atem hält und die die Schauspieler psychisch und physisch an Grenzen bringt. Und die, wie gesagt, leider zu selten auf dem Programm steht.
Herz der Finsternis (Joseph Conrad, bearb. John von Düffel). Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin. Regie: Andreas Kriegenburg. Mit: Natali Selig, Daniel Hoevels, Peter Moltzen, Olivia Gräser, Elias Arens, Harald Baumgartner, Markwart Müller-Elmau.


