Wo führt es hin, wenn jemand das Lebenskonzept verwirklicht, seinen Weg zu gehen? Seinen eigenen Weg. Sich nicht verbiegen lassen will. Darauf pocht, dass seine Ideen so verwirklicht werden, wie er es will. Unabhängig von gesellschaftlichen Vorgaben, politischen Überlegungen, materiellen Zwängen. Kann das „die Gesellschaft“ zulassen? Ist das in unserer Welt überhaupt vorgesehen?

Es ist ein bemerkenswertes Stück Arbeit, das dem Publikum vom Regiegespann Jürgen Kuttner und Tom Kühnel mit „Capitalista, Baby!“ vorgelegt wird. Denn man könnte die knapp drei Stunden Gratwanderung zwischen kapitalistischem Agitprop und humanistischer Sozialphilosophie als postmodern-szenische Bearbeitung des Buches „The Fountainhead“ der in St. Petersburg geborenen und nach der Oktoberrevolution in die USA emigrierten Autorin Ayn Rand abtun. Tatsächlich geben aber die Gedanken der leidenschaftlichen Befürworterin von Individualismus und Eigennutz in der Inszenierung jede Menge Nachdenkstoff. Denn so einfach, wie es die republikanische Tea Party-Bewegung, die sich auf Rands Philosophie beruft, darstellen will, ist die Interpretation der Thesen nicht. Zumindest nicht in der Kuttner-Kühnel-Bearbeitung.

Klar scheint, dass individualistische Kreativität aneckt. Dass innovative Gedanken seit jeher Konflikte erzeugt haben – Konflikte, die oft zu Ungunsten des Neuerers endeten. Im besten Fall mit Spott der Unverständigen, für die die Ideen zu weit voraus gegriffen waren. Im schlechtesten Fall mit Folter oder Verlust des Lebens. Beispiele aus der Geschichte gibt es dafür unzählige. Ebenso wie für die Tatsache, dass immer schon die Mächtigen dafür gesorgt haben, dass die Leistungen der Gemeinschaft als ihre eigene Leistung der Nachwelt erhalten wurden. Herrscher haben Schlachten gewonnen und Paläste gebaut…

Im flammenden Schlussplädoyer der Inszenierung baut der geniale Architekt Howard Roark (Daniel Hoevels) vor seinen Richtern endültig die Gedankenbrücke von der egomanischen Kapitalismusmentalität zu der Kernfrage, die jeden Denkenden beschäftigen sollte: Wie tickt eigentlich unsere Gesellschaft wirklich? Welches sind die Werte, denen wir folgen? Wie steht es heute um Ayn Rands Feindbilder der Gesellschaft: Mittelmaß, Altruismus, Solidarität. Ein Stück über das Zusammenleben mit Schmarotzern, vom Durchsetzen auf Kosten der anderen, von berechnender Sexualität, von Macht und Unterwerfung, von der Rolle der Medien. Wie gesagt: Viel Arbeit zum Nachdenken wird da von sechs ausgezeichnet agierenden Schauspielern ausgebreitet. Ein wichtiges Stück zur Zeit.

Capitalista, Baby! (nach „The Fountainhead“ von Ayn Rand). Kammerspiele, Deutsches Theater Berlin. Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner. Mit: Daniel Hoevels, Natali Seelig, Matthias Neukirch, Felix Goeser, Jürgen Kuttner, Michael Schweighöfer.

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