Capa-kaum hat seine Weihnachtsgeschichte am Fuße des Lindwurms gefunden. Er kann aber keine Verantwortung für Nebenwirkungen der dort lebenden Leser übernehmen, wenn diese das Märchen den ihnen bekannten Menschen und Vorkommnissen verknüpfen…
Es war einmal ein glücklicher, aber glückloser Herrscher, der in einer Stadt regierte, deren Ruhm sich dereinst auf die Sage des heroischen Sieges über eine schrecklichen Lindwurm begründete und sich dieses Tier deshalb erhaben mitten auf seinen schmucken Platz vor dem Haus des Regenten stellte. Aber in den heutigen Tagen, von denen die Geschichte erzählt, war jener Platz voll von Hütten und Menschen, dampfte vom Geruch des Glühweins, der feilgebotenen Würste und der Schnapsalan. Da kamen jenem Herrscher, hinunter blickend auf das muntere Treiben, düstere Gedanken, saß er doch hier in seiner Einsamkeit, und es schmerzte ihn, nicht zu wissen, was sein Volk da unten wirklich über ihn dächte. Und plötzlich kam ihm jenes Märchen über den Kalifen des 1001-nächtigen Bagdad in den Sinn, das er sich in seiner Kinderzeit so gerne vorgelesen wünschte…
In dieser Stimmung hatte sich einst der Kalif Harun al-Raschid befunden, als Djafar, sein treuer und vielgeliebter Großwesir, vor ihn trat. „Herrscher der Gläubigen,“ hatte dieser zu ihm gesprochen, „erlaubst du mir wohl eine Frage, woher diese Schwermut rühren mag, die du heute blicken lässt, und wozu du sonst immer so wenig Neigung verrietest?“ „Es ist wahr,“ antwortete der Kalif, „ich bin sonst nicht geneigt dazu, finde mir irgendetwas, um mich zu zerstreuen!“ „Herrscher der Gläubigen,“ sprach der Getreue, „ich nehme mir die Freiheit dich zu erinnern, dass du dir doch die Verpflichtung auferlegt hast, auf die gute Ordnung in deiner Hauptstadt und in der Umgebung persönlich ein wachsames Auge zu haben.“ „Du erinnerst mich zur gelegenen Stunde daran“, entgegnete der Kalif, „geh also und kleide dich um, ich will es indes auch so machen.“ Und so verkleideten sie sich nun in fremde Kaufleute und gingen so ganz allein miteinander durch eine geheime Türe des Palastes hinaus zu ihrem Volk…
Da schreckte er aus seinem Kindheitstraum auf – er, der Herrscher des Lindwurms, wusste es nun: Mit einem Mal kehrte die ihm zueigne Fröhlichkeit zurück, und er fasste den Plan, sich wie Harun al-Rashid unerkannt unter sein Volk zu mischen. Aber ohne einen Getreuen, denn er konnte sich nicht sicher sein, einen solchen wirklich zu besitzen. Die Zeit ging nicht lang hin, und also trat der Herrscher des Lindwurms in einer Verkleidung hinaus auf den vom düsteren Schein der Lämpchen erleuchteten Christkindlmarkt, den er den schönsten in der ganzen Umgebung nennen hatte lassen. Unerkannt tauchte er ein in die Menge der vorweihnachtlich Gestimmten und öffnete seine Ohren für das, was sein Volk unter sich über ihn, seine Taten und seine ihn Umgebenden zu erzählen hatte…
Gleich an einer der ersten Hütten hörte er das Flüstern zweier dem Aperol-Glühwein Zusprechender, die ihn, den Herrscher des Lindwurms, einen Untätigen nannten, weil er ob seiner Unsicherheit, Entscheidungen zu treffen, gerne alles der ferneren Zukunft und weiteren Prüfung überließe. „Welch unverständige Ungläubige“, dachte er bei sich und schob sich weiter durch die Menge in die Nähe zweier munter plaudernder Damen, die ob ihres verschwörerischen Gesprächs sogar ihren Kokospunsch achtlos kalt werden ließen. Von den „Schatzis Korli und Skorli“ hörte er da und einer Liebschaft, die doch für alle offensichtlich wäre. In aller Öffentlichkeit hätten sie doch „in einem Café ziemlich eng zueinander“ gefunden (warum war ihm dies bislang verborgen gewesen?). Und erst als er Teile von Sätzen wie „der Andreas mit seinen 51 und sie so viel jünger“ und „er findet’s eben schick, wie sie mit ihren ständigen Dienstanweisungen Chefin spielt“ hörte, wusste er: Er kannte die Personen nur allzu gut, und es scheint sich nun, der seinerzeitigen Anregung dieses Capa-kaum folgend, tatsächlich ein viriler Zeitgenosse für die, die die Leute Korli nennen, gefunden zu haben (das nährte seine Hoffnung auf ein ihren Posten freimachendes freudiges Ereignis, das ihm endlich den Wackerstein der lästigsten Personalie der Stadt von den Schultern fallen ließe).
Nun trieb es ihn weiter zu einer Gruppe von Männern, deren Gesichter er irgendwie zu kennen glaubte. Schier Unglaubliches drang hier an seine Ohren: Von einem neuen Team der Partei, der er selbst auch angehört, und das für die nächsten Wahlen bereits jetzt zusammengestellt würde, war die Rede. Und er schnappte Sätze auf wie „der Farbenheini ist schon dabei“ oder „ist ja Zeit, dass wir den Feuerwehrmann dorthin schicken, wo er hingehört“. Jetzt ahnte er es: Da ging es um seine Hofschranzen, hier sprachen seine eigenen Parteifreunde, aber sie redeten so, als ob er selbst gar nicht mehr dazu gehöre. Fast wäre er weitergegangen, als er noch hörte: „…wenn seine Referentin wirklich Stadträtin wird…“. Da war ihm klar: Es wird an seinem Thron gesägt! Und den Herrscher des Lindwurms überkam ein Schwindel ob dieser Gespräche seines Volkes.
Waren es Gerüchte, war es die Wahrheit? Wer weiß das schon? Er beschloss, sich mit einem Glühmost zu stärken, um für ein paar Minuten diesem Gewirr der Erzählungen zu entgehen. Doch hinter seinem Rücken begann eine sonore Stimme zu poltern: „…jetzt frag‘ ich dich: Und die Sanierung des Stadions, was ist mit dem Hallenbad und der Eishalle, dem Kraftwerk, der Sache mit dem Magistratsdirektor…“ „Na, da hat er doch bei seiner Feier im Oktober gesagt, den Magistratsdirektor wird er wieder arbeiten lassen“, fiel dem Polterer ein anderer ins Wort. „Und warum“, hörte er wieder den Polterer, „redet er dann von einem Disziplinarverfahren gegen ihn und lässt ihn weiter spazieren gehen?“ „Aber! Die wollen doch für ihn einen neuen Posten schaffen: Senatsdirektor, mehr als Magistratsdirektor.“
„Was die alles wissen“, dachte der Herrscher des Lindwurms bei sich und hielt seinen Glühmost krampfhaft umklammert (denkt er doch ohnehin schon darüber nach, ob man dazu das Stadtrecht ändern könne). Als ob er nicht schon genug Sorgen hätte! Das UFO-Stadion kann sich die Stadt ja eigentlich nicht leisten, die Eishalle wird auch noch ein Problem, das Dampfkraftwerk ist sowieso eines und für das neue Hallenbad gibt’s ständig neue Ideen statt dass endlich gebaut wird. Und dazu die Seebühne, ein Kuckucksei von Beginn an… So viele Millionen, was das alles kostet, hat er ja gar nicht zu verteilen! „Wie kann ein einzelner Mensch nur so viele Probleme bewältigen müssen“, begann er, in Selbstmitleid zu sinken, als er sich weiter durch das Gedränge seines Volkes schob.
Doch plötzlich sah er jenen Rechtskundigen, der ihm in letzter Zeit mit Schreiben an die Justiz so viel Ärgernis bereitet hatte, aus dessen direkt am Christkindlmarktplatz befindlicher Kanzlei auf sich zustreben. Da beschloss er flugs, wieder zurückzukehren in seine vier Wände, die ihm Sicherheit boten gegenüber solch feindlich gesinnter Umwelt und gegenüber dem ignoranten Volk, das keine Ahnung hat, wie schwer das Regieren ist. Und er begann darüber zu sinnen, mit welchen Intrigen er den Intrigen seiner Parteifreunde begegnen könnte. Und über dieses Nachdenken wurde ihm sein Herz schwer und er fiel in Verzweiflung, da er niemanden um sich hatte, dem er vertrauen konnte. Und niemanden, der ihm guten Rat geben konnte. Möge ihm doch das fröhliche Weihnachtsfest die Erlösung aus diesem Ungemach bringen, hoffte er inniglich.
Und da es ein echtes Weihnachtsmärchen ist, wird er diese Verzweiflung nach Weihnachten tatsächlich bald wieder überwunden haben und sich spätestens am Vorabend des neuen Jahres wieder als stolzer, leutseliger Herrscher des Lindwurms seinen Untertanen zeigen – aber sich nie wieder unerkannt unters Volk mischen.
Allen jenen, denen frühere Erzählungen Capa-kaums aus der Lindwurm-Metropole bisher verborgen geblieben sind, sei folgende Empfehlung gegeben: Lindwurms Mini-Dramolett (wo auch weitere Verweise zu finden sind).


