Vorweg: Jeder engagierte Theatergeher kennt den „Gott des Gemetzels“ als wunderbares Kammerspiel, das hervorragenden Schauspielern die Bühne dafür gibt, alle Facetten ihres Könnens auszuspielen. Ein nachhaltiges Erlebnis etwa Michael Maertens in Jürgen Goschs legendärer Uraufführungsinszenierung von Zürich, gemeinsam mit der kongenialen Corinna Kirchhoff, mit Dörte Lyssewski und Tilo Nest. Oder auch das Vierergespann Joachim Meyerhoff-Christiane von Poelnitz-Maria Happel-Roland Koch am Wiener Burgtheater.

Giftiges, fein ziseliertes Schauspielertheater mit gesellschaftskritischem Tiefgang also, das Yasmina Reza geschaffen hat. Theater, das für den Spielfilm allerdings ziemlich ungeeignet ist, meint Capa-kaum, der sich nicht zu weit in die Tiefgründigkeiten der Dramaturgie, des Drehbuchschreibens und der Filmkunst einlassen will, um dieses exzellente Fallbeispiel eines grundsätzlichen Genre-Missverständnisses darzustellen. Zu offensichtlich sind die Grenzen des Spielfilms gegenüber den Möglichkeiten der Theaterbühne seit einigen Wochen auf den Kinoleinwänden zu besichtigen.

Was im Theater als spannende, immer mehr der Spitze zutreibende Spirale aus Aggression, Frustration und Lust am Konflikt daherkommt, wird im Spielfilm zur inszenierten Abfolge von Vorwurfs- und Verteidigungsritualen. Ja, doch: Regisseur Roman Polanski hatte mit Christoph Waltz, Jodie Foster, Kate Winslet und John C. Reilly ein Quartett von höchster Güte zur Verfügung. Und dass deren Filmschauspielkunst auch in diesem Film ein genussvolles Ereignis ist, bleibt unbestritten. Wären da nicht die durch das Stück gegebenen Grenzen, die auch Polanski nur fast hanebüchen wegschieben konnte. Wenn etwa die Besucher zum x-ten Mal dem Fahrstuhl zustreben und dann doch wieder zu Kaffee oder Whisky zurückkehren. Ein Regieeinfall, um das Ein-Raum-Kammerspiel optisch ein wenig zu erweitern. Ein Regieeinfall allerdings, der eher darüber nachdenken lässt, weshalb die beiden Gäste den Schauplatz des eskalierenden Streits nicht endlich wirklich verlassen. Ein Gedanke, der Capa-kaum im Theater dazu nicht gekommen war.

Die Live-Dramatik des Bühnenspiels, in der die Figuren immer deutlicher ihre Charaktere bloßlegen, geht naturgemäß im Film verloren. Während man als Zuseher der Theateraufführung das Knistern, die Zwischentöne und die von Yasmina Reza so exzellent und bitterböse eingearbeiteten ständigen Veränderungen der Stimmungslagen der vier Protagonisten fast mitempfindet, erlebte Capa-kaum den Film als geschliffenes Hollywood-gemäßes Kino eines routinierten Regisseurs mit Oscar-erfahrenen Darstellern, die wissen, worauf es auf dem Filmset ankommt.

Im Film sind Schnitte unerlässlich, Großaufnahmen ein Stilmittel – was hier versagt, weil im Psychokrieg der vier Personen nur der Gesamteindruck den Beobachter wirklich dabei sein lässt. Der Film erzählt „bloß“ die Story des Psycho-Gemetzels, eine Geschichte von Geschehenem. Dagegen vermittelt die Theaterbühne dieses Erlebnis des direkten Dabeiseins im Geschehen. Und: Die Macht des Filmregisseurs lenkt gezielt die Aufmerksamkeit auf Blicke, Gesten und Ereignis – statt dass der Zuseher die Freiheit besitzt, als „Teilhaber“ die gesamte Szenerie mitzuerleben. Ein Manko, denkt Capa-kaum, das in Kenntnis exzellenter Bühneninszenierungen zu deutlich wird.

So filmuntauglich „Der Gott des Gemetzels“ mangels Action-Dramaturgie auch ist, so verdienstvoll ist es aber auch, ein Theaterstück wie dieses mit prominenten Namen in die Kinosäle zu bringen. Denn, zugegeben: Ins Kino gehen eben doch deutlich mehr Menschen als ins Theater. Und vielleicht wird der ein oder andere Kinobesucher dadurch ermuntert, auch einmal eine Theateraufführung zu besuchen. Womit der – handwerklich zweifellos gelungene – Kinofilm des grandiosen Theaterstücks seine Berechtigung hätte.

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