Innehalten und die Zeit fühlen. Einige Gedanken für ein paar Minuten.
Gedanken zum Beispiel, dass die Welt, in der wir leben, heute so sehr anders aussieht als etwa vor 25 Jahren. Gab es doch vor einem Vierteljahrhundert im täglichen Gebrauch beispielsweise noch kein Notebook, kein Internet, kein Handy, kein Satelliten-Fernsehen, keinen Turbodiesel-Pkw, keine Waschmittel-Tabs, keine DVD, keine passfreien Grenzen in Europa, keine Demokratie in Tschechien, Slowenien oder Litauen. Die Zeit ist über diese Veränderungen mit uns hinweg gegangen. Aber wenn wir nur einige Zeit lang im Besitz von Dingen sind oder damit leben, sind sie uns gewohnt, selbstverständlich, vertraut, aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, haben keine Position mehr in unserer Gedankenwelt. Sie sind eben einfach da – diese Dinge. Wie praktisch. Aber auch … Beziehungen, Menschen…?
Gedanken auch darüber, dass alles was Capa-kaum eingangs aufgezählt hat, so „gegenständlich“ ist, von der zwingenden Logik unserer Welt bestimmt. Sicher: Wir leben in einer Gesellschaft des Faktischen – einer Informationsgesellschaft, Digitalgesellschaft, in der Logik, messbare, quantitativ nachvollziehbare Gegebenheiten das Leben bestimmen – Kosten, Preise, Daten, Fakten, Termine, Uhrzeiten. Der kalkulierbare Rahmen wird vorgegeben.
Dazu: Der Faktor Zeit ist Lebensorganisator. Fristen, bis zu denen Aufgaben zu erledigen sind, Termine, Beginnzeiten, Erinnerungstöne am Smartphone. Zeitgerecht buchen für die Flüge in drei Monaten, den Urlaub für kommenden Sommer zu frühem Zeitpunkt fixieren, den Termin für das nächste Autoservice bereits vormerken lassen. Alles scheint klar vorgegeben.
Und wann ist Zeit dazu, ein paar Gedanken dem Umstand zu widmen, dass wir doch nicht wissen können, was in einer Stunde oder morgen wirklich ist? Wie schnell sich Umstände ohne eigenes Zutun verändern können, wie plötzlich alles anders sein kann. Wie uns die Zeit „davonläuft“. Nicht immer sind es die großen Dinge, ein schwerer Unfall, der plötzliche Ausbruch einer Erkrankung, die bis dahin so sicher scheinende Abläufe durcheinander bringen. Auch ein Stromausfall, ein überraschendes Schneechaos, ein unerwarteter Stau auf der Autobahn können vor Augen führen, wie relativ die selbst gemachte Zeitordnung ist. Wie „das Leben“ durcheinander gerät.
Jetzt ist Zeit, inne zu halten: Schließlich ist das Kostbarste, das wir besitzen, die Zeit, mit der wir daher entsprechend umgehen müssen. Nicht vergeuden, nicht dahingleiten lassen. Erst wenn immer mehr gewiss wird, dass wohl immer weniger Zeit des Lebens zur Verfügung steht, beginnen viele damit, mit ihrer Zeit hauszuhalten. Und das, wofür sie Zeit hergeben, infrage zu stellen, neu zu ordnen. Vielleicht spät, aber immerhin, meint Capa-kaum. Denn Lebensklugheit zeigt sich nicht zuletzt darin, wie bewusst man seine Zeit nützt.


