100 Jahre danach

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Aug2014 01

Es sind diese hässlichen 3 „W“ der Konfliktpolitik, die offenbar nicht auszumerzen sind. Jene allzu übliche Spirale politischer Eskalation – Phase 1: Der immer schärfere Krieg der Worte, Phase 2: Der politische Krieg der Wirtschaft mit Sanktionen und Verboten, schließlich Phase 3: Der reale Krieg mit Waffen.

Sommer 2014: Im Ukraine-Krieg der Wirtschaft stehen mittlerweile die immer neuen Sanktionen von USA/EU immer neuen Importverboten und wirtschaftlichen Drohgebärden Russlands gegenüber, während in der Ostukraine schon längst Stellvertreterkämpfe mit den von USA/EU und Russland gelieferten Waffen stattfinden.

Und zur selben Zeit … stellt ein Interviewer Capa-kaum nach dessen jüngstem Besuch im Berliner Deutschen Historischen Museum für eine Sendung einer amerikanische TV-Station die Frage: „Was kann eine Ausstellung über ein 100 Jahre zurückliegendes Ereignis dem Besucher vermitteln?“ Angesichts der dort gezeigten Exponate, Filme und Audios über den Ersten Weltkrieg war die Antwort klar: „Dass wir uns gegenwärtig in einer Situation befinden, die beklemmend ähnlich der unmittelbaren Zeit vor Ausbruch des damaligen Krieges ist. Und die Politiker der Gegenwart sollten aus dem Beispiel von damals die Schlüsse zu ziehen, wie vermieden werden kann, unversehens immer tiefer in die Spirale der Eskalation hineinzugeraten.“ (Siehe auch den Blog „Eigentlich bedrückend“)

Vor 1914: Jede Menge gegenseitige verbale Attacken der Politiker der europäischen Großmächte, wachsender Nationalismus, Machtstreben der großen Kolonialstaaten Europas, Aufrüstung der Heere, zwei regional begrenzte Kriege auf dem Balkan, zugleich aber die gebetsmühlenartige Versicherung der Großmächte, dass niemand an einem großen Krieg interessiert wäre. In der Berliner Ausstellung wird darauf verwiesen, dass die Konzepte für die deutschen Aufmarschpläne schon Jahre zuvor ausgearbeitet wurden. Und dass Österreich-Ungarn mit seiner 1908 erfolgten Annexion Bosnien-Herzegowinas nicht nur die ohnehin argwöhnischen Feinde auf dem Balkan alarmiert, sondern zugleich auch einen für das Habsburgerreich folgenschweren Wirtschaftskrieg mit dem Osmanischen Reich entfacht hatte.

1914: Die Spirale der Eskalation hatte sich nun schon so weit gedreht, dass sie nach dem Mord an Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand den entscheidenden, letzten Anstoß erhielt – durch das Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien. Die Stunde für Frankreich und England war gekommen, ihre strategischen Pläne umzusetzen, dem Deutschen Reich dessen Kolonien abzuringen. Das Osmanische Reich ergriff die Gelegenheit, einst verloren gegangene Gebiete wieder zu erkämpfen und die „Armenienfrage“ mit der Ermordung von mehr als einer Million Armeniern „zu lösen“. Gleichzeitig wollte Deutschlands Kaiser Wilhelm II vorerst durch politische Beschwichtigung die Prosperität des Kaiserreichs in Wirtschaft, Kultur und Alltag retten, verstärkte aber im Sommer 1914 die Kriegshandlungen durch sein Umschwenken in die bedingungslose Unterstützung für Österreich-Ungarn. Aus Stellvertreterkriegen am Balkan war ein globaler Krieg geworden.

Zurück ins Jahr 2014: Russland hat die Krim annektiert, die Ukraine ist zum Spielball der Interessen zwischen den USA, der EU und Russland geworden, fundamental-islamistische Gruppen verwüsten und morden in Libyen, Mali, Nord-Nigeria, Syrien und dem Irak, Israel führt einen blutigen Krieg gegen die Palästinenser, in Ägypten, der Türkei und Algerien sind autoritär-diktatorische Regimes unter dem Deckmantel der Demokratie an der Macht. Gleichzeitig ist auf all den genannten Schauplätzen regional begrenzter Kämpfe ständig neuestes Kriegsgerät im Einsatz, das meist auf undurchsichtigen Wegen geliefert wurde. Andererseits hat der Krieg der Wirtschaft in Europa schon jetzt Hunderte Unternehmen direkt durch die Liefer- und Importstopps betroffen. Und dass das für Mittel- und Westeuropa wichtige russische Erdgas teurer werden wird, ist absehbar.

1914 hatten alle führenden Politiker erklärt, der Krieg, den keiner wollte, wäre nach ein paar Wochen vorüber – dann drehte sich die mutwillig in Gang gesetzte Spirale der Eskalation und am Ende standen 15 Millionen Tote, verwüstete Städte und Landschaften, eine darniederliegende Wirtschaft, Armut und exzessive Inflation.

Erfreulich, dass in die sehr gut gestaltete Berliner Ausstellung so viele jüngere Besucher gehen.

1914-1918. Der Erste Weltkrieg. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 30. November 2014. Täglich 10 – 18 Uhr.

2 Kommentare zu “100 Jahre danach”

  • wibek 3. August 2014

    Leider ist die Situation auf dem anderen Brennpunkt dem Nahen Osten überhaupt nicht zu lösen. Aber wenn auch die Palästinenser immer neue Anschläge machen müsste doch dem unverhältnismäßigen Wüten Israels Einhalt geboten werden! Dazu wären die USA zuständig

  • Harry 2. August 2014

    Was jetzt in der Welt geschieht ist verrückt. Wieso spielen die Amis und die Russen so mit der Kriegsgefahr? Putin ist keine Überraschung, aber Obama ist die traurige Karikatur eines Präsidenten, der aber durch seine außenpolitische Unfähigkeit noch gefährlich für die Welt ist – Friedensnobelpreisträger!!!

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